Doppelausstellung: Arsenal der Naturformen

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„Flowers“ aus Granit von Masayuki Koorida

Mit der Doppelausstellung im Klosterhof und in der Galerie im Alten Haus ist Annemarie Pötzelberger, Kuratorin des Seligenstädter Kunstforums, etwas Besonders gelungen. Spitzenwerke arrivierter Künstler sind mit Junger Kunst zu organisch-anorganischer Gesamtschau vereint. Von Reinhold Gries

Das Motto lautet: „Garten – natürlich künstlich“. Der mit Stockrosen und Stauden aufblühende Klosterhof ist noch spektakulärer als sonst. Das liegt auch an Masayuki Kooridas skulpturalen „Flowers“ aus poliertem schwarzem Granit, die schon bei Bad Homburgs „Blickachsen“ für Furore sorgten. Fremdartig schön und anschmiegsam wirken bis zu zwei Meter große futuristische Formen, deren Kurvatur den schweren Stein leicht macht. Laura Fords großer Bronzerabe mit Mädchenbeinen und -schuhen beeindruckt nicht nur gurrende Vögel im Taubenhaus.

Arbeit von Trash/Treasure

Kinder tummeln sich am Mühlenkanal, wo Andreas Rohrbach ein filigranes Stauwehr aus Miltenberger Sandstein gemeißelt hat, das je nach Zeitschaltuhr überflutet wird oder vor sich hin rieselt. Auch mit hartem türkischem Marmor nimmt es der Bildhauer aus Kleinkahl-Edelbach auf, verleiht einem Block organische Form und Struktur.

     „Wo kein Gras wächst“ – unter großen Bäumen – hat Trash/Treasure aus Wegwerfprodukten Fantasie und Poesie entfaltet. Farbenfrohe Gebilde aus Eislöffeln, Strohhalmen, Plastikbechern und Pfeifenreinigern sind zu Blumenfeldern gesteckt. „Sie stehen für Vergänglichkeit, halten aber Unwetter aus, das habe ich selbst getestet“, erklärt die Kölnerin.

Der Blick in Baumkronen zeigt Rohrbachs hängende „Webervogelnester“, mal aus Holz geschnitzt, mal aus Paketschnüren gehäkelt, mit Einfluglöchern für Bienen und Wespen. Auf dem Grün steht eine hohe Stele Stefan Pietrygas, ein Nabel der Kunstwelt, dessen geometrisierender Unterbau in vergoldetem Zapfen gipfelt. Der Potsdamer visiert Goldspitzen auf Kirche und Kloster an. Ähnlich hoch wächst Peter Lindenbergs großskulpturale „Kapuzinerkresse“ aus dem Boden. Natur, Bauten und Kunst gehen eine unwiderstehliche Synthese ein.

Stele von Stefan Pietryga vor Türmen

Diese setzt sich in den stimmungsvollen Räumen des Kunstforums im Alten Haus fort, wo sich das Labor der Künstler ausbreitet: Kleinplastiken, Malerei, Zeichnungen und Wandarbeiten. Trashs Kunstblumenkelche lösen sich auf Leinwänden in Mischtechniken auf. Sie sagt viel durch die Blume. Wie Pietryga an Plastiken wie „Aachener Oktogon“ und „Blaue Pappel“ Pigmente einsetzt und für Patina sorgt, das besticht. Zum schillernden Holzklumpen gewordene „Drei Kegler“ verblüffen mit zahlreichen Farb- und Sägespuren.

Äußerst fragil geht Lindenberg in auf Malgründe gezeichneten Naturchiffren vor. Modellartigen Konfrontationen miniaturhafter Menschenfiguren mit knallgelben oder blauen Stäben setzen den Kontrapunkt. Herrlich seine sich wiegenden und biegenden Kleinskulpturen ohne Personal.

Öffnungszeiten:

„Garten – natürlich künstlich“, bis 19. September im Seligenstädter Klosterhof und im Kunstforum im Alten Haus, Frankfurter Straße 13. Klosterhof täglich offen von 8 bis 20 Uhr, Kunstforum Freitag, Samstag, Sonntag von 15 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung unter Tel.: 06182 924451.

Intensiv schöpfen alle Künstler aus dem Arsenal der Naturformen, aus Wiesen, Wäldern, Pilzen und Kleinorganismen jeder Art. Eine überraschende Neuentdeckung ist Balkenhol-Schüler Rohrbach. Wie er Marmor mit Edelmetall zum „Goldklumpen“ macht oder farbig geringelte Häkelkorpusse aus weiß fließendem Carraragestein bis zur Decke wachsen lässt, ist einzigartig. Ebenso virtuos und zeitlos gibt der Künstler aus dem Kahlgrund zeichnerische und malerische Ausblicke auf sein im Herbst erscheinendes Künstlerbuch „Kosmologische Welten“. Der sommerliche Seligenstädter Kunstkosmos ist sehenswert!

Quelle: op-online.de

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