Aseptisches Weiß fördert die Halluzinationen des Kranken

Engel in Amerika: Szene mit Jeffrey Kim (Belize), Michael McCown (Prior Walter), Nathaniel Webster (Joseph Pitt), Peter Marsh (Louis Ironside), Jenny Carlstedt (Harper Pitt) und Christin-Marie Hill (Hannah Pitt) Foto: Monika Rittershaus

Als „work in progress“ behandelt Peter Eötvös seine Oper „Angels in America“: Seit der Pariser Uraufführung 2004 hat der Komponist sein Musiktheater nach dem erfolgreichen Schauspiel von Tony Kushner für jede Bühnenversion verändert – auch für die Neuinszenierung von Johannes Erath, die als Produktion der Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot Premiere hatte.

Waren es in Paris gerade vier Streicher, die mit Bläsern, Gitarren und Keyboards den Halluzinationen des an Aids erkrankten Prior Walter musikalische Gestalt gaben, ist das Stück dort in fast sinfonischer Besetzung zu hören.

Das unterstreicht den retrospektiven Charakter, der sich zudem daraus ergibt, dass Eötvös so etwas wie eine Literaturoper geschrieben hat. Mari Mezeis Libretto kondensiert Kush ners Text zwar erheblich, stellt ihn aber nicht in Frage, verändert nichts substanziell.

Modern ist das Werk des 1944 geborenen Eötvös indes in sich. Außer Walter gibt es keine statischen Rollenzuweisungen: Jeder weitere Sänger übernimmt mehrere Funktionen und lässt die Konzentration ganz auf Walter ausgerichtet sein, dessen gewaltige Partie der junge Tenor Michael McCown so bravourös wie strahlkräftig gestaltet.

Die lange Treppe aus dem Zuschauerraum setzt sich auf der Bühne fort, trennt und verbindet zugleich. Überhaupt bezieht die Inszenierung von Johannes Erath in der Ausstattung von Stefanie Paterkamp die Architektur des ehemaligen Straßenbahndepots in ihrer Weitläufigkeit und Kühle geschickt in die Szene ein. Auf der nahezu leeren Bühne dominiert aseptisches Weiß, in dem es sich bestens halluzinieren lässt. Wie in der Pariser Uraufführung darf das Krankenbett nicht fehlen.

Alles weitere besorgt Eraths raffinierte Personenführung, die über manche Länge des knapp dreistündigen Werks hinwegträgt. Distanzierende Momente bietet sie etwa mit dem szenischen Zitat von Statler und Waldorf, den galligen Logenbesuchern aus der „Muppet-Show“.

Die gemäßigt moderne Musik wird vom Museumsorchester unter Leitung des Kapellmeisters Erik Nielsen solide und sorgfältig interpretiert. „Angels in America“ ist in der Opernfassung nicht zuletzt ein Ensemblestück. In den zahlreichen Partien sind Peter Marsh als Angel Oceania und Nathaniel Webster als Angel Europe zuverlässige Ensemblekräfte, die zum geschlossenen Eindruck dieser Produktion beitragen. Der Premierenbeifall war stark; ob die Geschlossenheit der Literaturoper zeitgemäß ist, bleibt eine andere Frage. AXEL ZIBULSKI

Weitere Aufführungen heute, am 25., 27. und 29. März sowie am 1. und 3. April

Quelle: op-online.de

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