Aufbruch in die Künstlerexistenz

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Sébastien Jacobi ist Schriftsteller Anton und Sänger Rio Reiser.

Frankfurt - Kraftakt. Radikaltheater. Es ist zu spüren, dass der Mann mit jeder Faser bei der Sache ist. Von Stefan Michalzik

Sébastien Jacobi schlägt unter dem Titel „Reise!Reiser!“ in der Box des Frankfurter Schauspiels den Bogen von Karl Philipp Moritz’ 1785 bis 1790 veröffentlichtem Roman „Anton Reiser“ über 1968 und RAF zur heutigen Jugend.

Zu Beginn liest das Trio um Jacobi, Sandra Gerling und Pianist Christoph Iacono den Textanfang. 100 Jahre vor Freud hat Moritz nach seiner eigenen ärmlichen, strangulierenden Kindheit und Jugend den ersten psychologischen Roman geschrieben.

Rio Reiser, Sänger von Ton Steine Scherben, hat mit der Wahl seines Namens eine Linie zu sich hergestellt. Über seine Lieder hinaus hängt Jacobi an den narrativen Strang eine zeitungsessayistische Materialsammlung. Dieser ist zu entnehmen, dass 20 Prozent der heutigen Jugendlichen angesichts der gewandelten Funktion von Arbeit den von Anton Reiser beschrittenen Weg gehen wollen: Künstlerexistenz zur Behauptung des Individuums unter widrigen Bedingungen.

Es handelt sich um ein anarcho-ästhetisches Musical im Kabarettformat. Ein fiebriger Rausch von anderthalb Stunden mit zerklüfteter Struktur. Eine schlaglichthafte, auf dem Röhrenbildschirm vorgeführte Schwarz-Weiß-Collage bringt Familienbilder mit 1968 und RAF zusammen, stellt den Zusammenhang von Beschneidung der Persönlichkeit und Aufbegehren her.

Aus dem Fernsehschrank bricht Jacobi als Anton/Rio Reiser heraus. Wie Kasperl im Theater agiert die an den jungen Tom Waits erinnernde Erscheinung mit gewaltigem Furor, flankiert von seinen Rollen, Perücken und Kleider wechselnden Mitspielern, zu denen sich zum Ende hin Regieassistentin Julia Hagen als Sängerin und Violinistin gesellt.

Gerling zitiert den zum Gründungsmythos der RAF gehörigen „Es darf geschossen werden“-Text von Ulrike Meinhof mit ikonografisch gewordenen braunen Haaren und Sonnenbrille. Der eingeblendete Kinderchor der Oper singt ein Lied von Rio. Es könnte sich um einen Schulchor handeln; Protest ist affirmativ geworden, darauf scheinen diese Bilder zu verweisen.

Die Ästhetik samt Erinnerungsstücken wie Kofferplattenspieler und Reiseschreibmaschine wirkt wie ein Rückgriff auf die Castorf-Nachfolge. „Das kannst du ins Programmheft schreiben“, mahnt Gerling einmal Jacobi. Das stimmt. Texte um den Wandlungsprozess des Kapitalismus werden verlesen. All das ist bekannt, der vertraute Theoriesound wird im Turbotempo heruntergerattert und damit unterlaufen.

So ist der Abend vor allem eine Bestandsaufnahme. Wahrnehmung für neue Erkenntnisse vermag er nicht zu schärfen. Aber er hat Charme!

‹ Auch am 24. Oktober und 27. November

Quelle: op-online.de

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