Künstlerischer Kontinent

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Erstmals ist der von Albrecht Dürer für eine Frankfurter Patrizierfamilie geschaffene Heller-Altar mitsamt den Standflügeln von Matthias Grünewald zu sehen.

Frankfurt - Das Frankfurter Städel würdigt in einer umfassenden Ausstellung das universale Genie Albrecht Dürer. Über 280 Werke illustrieren die Vielseitigkeit des bedeutendsten deutschen Renaissancekünstlers. Von Carsten Müller

Kurator Jochen Sander und sein Team konnten während der dreijährigen Vorbereitung für die spektakuläre Schau aus dem Vollen schöpfen: Nicht nur verfügt das Städel über einen nennenswerten eigenen Bestand an Dürer-Werken, vor allem bedeutende Zeichnungen und Kupferstiche, es gelang auch, hochkarätige Kunst von Dürer und Zeitgenossen an den Main zu bringen. Insgesamt 280 Werke, davon 200 Dürer-Originale, sind bis Februar zu sehen, darunter kostbare Leihgaben aus London, Madrid, Florenz und Los Angeles. Sichtbar wird die enorme Vielseitigkeit des Nürnbergers, sichtbar werden zudem Dürers technische Meisterschaft und individueller Ausdruck im direkten Vergleich mit niederländischen und italienischen Meistern.

Aufzeigen soll die auf 1000 Quadratmeter angelegte Ausstellung zugleich die Verbindung des unter „AD“ zur (oft plagiierten) Kunst-Marke aufgestiegenen Goldschmiedsohns zur Stadt Frankfurt, damals wichtiger Umschlagplatz für Druckgrafiken. Als eines seiner Hauptwerke gilt der sogenannte Heller-Altar, geschaffen im Auftrag einer Patrizierfamilie für die Dominikanerkirche. Nach den napoleonischen Kriegen zerschlagen, ist das Werk mit den von Matthias Grünewald gestalteten Standflügeln erstmals in diesem Umfang wieder vereint. Der nur als Kopie erhaltene Mittelteil sowie Vorzeichnungen zu Gewändern, Körperteilen und Figuren belegen des Meisters technische Raffinesse.

Ebenso monumental wirkt die dreieinhalb mal drei Meter große „Ehrenpforte für Kaiser Maximilian I“, aus 36 Kupferstich-Papierbögen zusammengesetzt. Dürers Aufenthalt in den Niederlanden versinnbildlicht das Bildnis „Heiliger Hieronymus im Studierzimmer“, das von niederländischen Künstlern wie Lucas von der Leyden und Joos van Cleve als Reverenz an den Deutschen aufgegriffen wurde. Weitere Kapitel zeigen Dürer als Verfeinerer von Holzschnitt und Kupferstich, als Illustrator und Herausgeber von Büchern, als Vordenker zu Proportion und Geometrie, als Entwerfer von Flugblättern, Saaldekoration, Glasfenstern und Leuchtern.

Die Schau folgt in lockerer Chronologie der Biografie des Universalgenies, vom Vielschreiber dokumentiert in Familienchronik, Tagebüchern und etlichen Briefen. Sie beginnt bei Nürnberger Goldschmiedekunst und plastischem „Nemesis“-Kupferstich, führt über zarte Federzeichnungen zur Geburt Christi und prachtvoll farbige Tafelbilder hin zu zarten Aquarellen und detailliert ausgearbeiteten Altarentwürfen. Den Ausnahmestatus seiner überaus lebensnahen Porträts weist ein eigener Raum nach. Eine außergewöhnliche Schule des Sehens, die den Nürnberger Meister besonders im Vergleich zu Zeitgenossen als Gestalter mit Blick für Wesentliches zeigt.

„Dürer. Kunst Künstler Kontext“ bis 2. Februar 2014 im Städel Museum, Frankfurt, Schaumainkai 63. Geöffnet Dienstag, Mittwoch, Samstag und Sonntag von 10-19 Uhr, Donnerstag und Freitag 10-21 Uhr. Der Katalog (39,90 Euro) ist im Prestel Verlag erschienen.

Die Gabe, sich neue Einflüsse anzuverwandeln und zur Meisterschaft zu führen, die Geschäftstüchtigkeit als Inhaber einer florierenden Werkstatt, aber auch sein Streben nach Anerkennung als Gelehrter: „Dürer ist ein künstlerischer Kontinent“, sagt Kurator Jochen Sander. Das Frankfurter Städel liefert eine außergewöhnlich facettenreiche Orientierung.

Impressionen von der Dürer-Ausstellung im Städel

Impressionen von der Dürer-Ausstellung im Städel

Quelle: op-online.de

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