Weibliche Kraftfelder

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Humorvolle Szenen aus dem prallen Leben zeigen Theresia Hebenstreits Terrakotten wie die „Lässig Liegende“.

Seligenstadt - Wer zum Unterschied der Geschlechter Feldforschung betreiben will, dem sei die neue Ausstellung „FrauenBild“ im Kunstforum Seligenstadt empfohlen. Von Reinhold Gries

Als einziger Mann steht Mato-Künstler Johannes Kriesche aus Offenbach allein auf weiter Flur mit seiner „WunderdichtLicht“-Serie und poppig-klischeehaftem Personal, das durch Paraffin-Überzug etwas Undurchsichtiges bekommt. Ohne Wachs kommen ornamental anmutende Acryl-Großformate wie „Bildnis der Fado-Sängerin Marga Andrade“ daher. Man(n) sieht Frauen hier als schöne Dekoration, ohne Schärfentiefe und Innenschau.

Handfester gehen Theresia Hebenstreit und Wanda Pratschke ans Thema. Ihre Terrakotten und Bronzen zeigen Vollweiber und Urmütter mit delikaten Rundungen und Schwüngen, gelassenen Körperhaltungen und breithüftig geerdetem Stand. Pralles Leben und Humor verraten auch Hebenstreits Charakterisierungen „Lustdicke“, „Ellas Weisshaar“, „Nymphe“ oder „Lässig Liegende“. Dann erweitert sie das Frauen-Motiv auf Madonnen und Heilige der Naumburger Meister, die sie per Grisaillemalerei auf die Erde holt als „Frohe Westdeutsche“, „Arrogante aus Memmingen“, „Stille Hessische“ oder „Selige vom Mittelrhein“. Bei Frauenporträts wie „Die mit den blauen Punkten“, „Kleine Nachdenkliche“ oder „Kleine Wirre“ setzt sie auf intensiv leuchtende Farben und Abstraktion. Weibliches Körpergefühl sieht man ihren Kleinbronze-Akten an, oft Modelle für Größere. Bei ihrer „Kleinen Sesselfrau“, „Eva II“ oder „Liegenden mit Tuch“ mischt sich klassisch-modernes Formgefühl mit expressiver Kraft, die von innen kommt.

„FrauenBild“ bis 22. September in der Galerie Kunstforum Seligenstadt. Geöffnet: Freitag, Samstag und Sonntag von 15-18 Uhr und nach Vereinbarung unter der der Nummer 06182/924451

Besondere Frauen sind auch die BOK-Künstlerinnen Karin Nedela und Anja Hantelmann aus Offenbach. Nedela komponiert dunkelsepiagetönte, kolorierte und goldgerahmte Analog-Fotos zu unbekannten großen Damen der Geschichte. Die Renaissance- und Barockkostüme für ihre Modelle näht Nedela selbst. Und recherchiert ausgiebig zu Angela von Grumbach, Margot de Valois, Elizabeth Woodville oder Marguerite of Anjou. Anja Hantelmann setzt sich in den Malserien „Umkleide“ und „Flüchtig“ mit sich selbst auseinander, mit Momenten der Illusion oder Desillusion, der Hoffnung oder des Zweifels.

Gisela Heides Bilder sind zart mit Eitempera auf Leinwand laviert, was die Entmaterialisierung weiblicher Kleidungsstücke verstärkt. Das Gegenteil macht Annegret Soltau, die bei „Doppelkopf“-Vernähungen zu Tochter, Sohn und Mutterrolle zu Schere, Nadel und Faden greift. Radikal zerstückelt sie fotografische Selbstporträts, auch um innere Verletzungen nach außen zu kehren. Dazu näht sie die Teile in oft verwirrend neuem Kontext zusammen, so dass zerklüftete Innen- und Außenwelten eins werden.

Quelle: op-online.de

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