Spiegel der Epochen

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Illustration zum „Gestiefelten Kater“ von Herbert Leupin aus dem Jahr 1946.

Frankfurt - Es gibt kaum einen Haushalt, in dem dieses Buch nicht zu finden ist: Generationen von Kindern wuchsen mit den Hausmärchen der Gebrüder Grimm auf, deren Erscheinungstermin sich zum 200. Mal jährt. Von Maren Cornils

Wie stark sich ihre bildliche Adaption über die Jahrhunderte verändert hat, ist derzeit im Goethe-Museum Frankfurt zu bewundern.

„Hänsel und Gretel im Bilderwald“, die von Dr. Wolfgang Bunzel und Professor Hans-Heino Ewers kuratierte Schau zeigt in rund 200 Exponaten, wie die Geschichten von Ludwig Tieck, Clemens von Brentano, den Gebrüdern Grimm oder auch E.T.A. Hoffmann in Romantik, Gründerzeit, Jugendstil, Vor- und Nachkriegszeit oder den 1970er Jahren illustriert wurden. Ein in der Mitte des Raums aufgebauter Märchenwald, in dem ab und an ein Käuzchen ruft und in dessen holzschnittartiger Kulisse der Besucher jeden Moment Rotkäppchens bösem Wolf zu begegnen glaubt, ist eine von vielen netten Ideen, mit denen die für Kinder geeignete Ausstellung aufwartet.

Wort und Bild zu einer Einheit zu verbinden, diesem Postulat der Romantik folgen die Illustrationen von Moritz von Schwind, Ludwig Emil Grimm oder auch Philipp Otto Runge. Zu sehen sind aus dieser Epoche Zeichnungen zu Clemens von Brentanos „Mährchen vom Rhein“, kleinformatige Arbeiten, die ein 1839 von Carl Wilhelm Contessa, Friedrich Baron de la Motte Fouqué und E.T.A. Hoffmann herausgegebene Bändchen zieren oder auch eine ganz in Blautönen gehaltene Federzeichnung zu Brentanos „Gockel, Hinckel und Gackeleia“ aus dem Jahr 1836.

Unkonventionell geht Moritz von Schwind an das Thema heran: Er schnitt den gestiefelten Kater aus gelbem und braunem Samt und rahmte ihn mit einem Passepartout. Ganze Vitrinen widmen sich der Bebilderung von Märchenbüchern, darunter Schmuckstücke aus dem frühen 19. Jahrhundert wie Ludwig Emil Grimms Titelblatt zu den von seinen Brüdern gesammelten Hausmärchen. Die Leihgabe des Hanauer Museums Schloss Philippsruhe, eine aquarellierte Federzeichnung zu „Brüderchen und Schwesterchen“, zeigt einen Engel mit großen Flügeln, der beschützend über den Kindern thront. In unmittelbarer Nähe sorgt Frank Flöthmanns comicartige, am Computer komponierte und auf Icons reduzierte Darstellung von „Little Red Riding Hood“ (1997) für einen spannenden Kontrast zu der sehr bildhaften und illusionistischen Bildsprache der Spätromantik.

Streifzug durch die Kunstgeschichte

„Hänsel und Gretel im Bilderwald“ zeigt das breite künstlerische Spektrum und die immer wieder neue Auseinandersetzung ganzer Epochen mit dem Thema Märchen. Dass nicht immer zu erkennen ist, um welches Märchen es sich handelt, macht den Reiz der Ausstellung aus, und so darf der Besucher nicht nur vor Alfred Kubins 1959 entstandener Tuschezeichnung zu Hoffmanns „Goldenem Topf“ darüber grübeln, um wen es sich bei der ausgemergelten Frau mit den hängenden Brüsten und dem grotesk verrenkten Mann handelt.

Werke von Karl Friedrich Schinkel, Wilhelm Hensel, George Cruikshank, Franz Pocci, Ludwig Richter, Eugen Napoleon Neureuther, Walter Crane, Gustave Doré und sogar Max Beckmann markieren den Streifzug durch die Kunstgeschichte, von Romantik und Jugendstil bis hin zum Expressionismus.

„Hänsel und Gretel im Bilderwald“ bis 15. Juli im Goethe-Museum, Frankfurt, Großer Hirschgraben 23-25. Geöffnet: Montag bis Samstag von 10-18 Uhr, Sonntag und Feiertag von 10-17.30 Uhr

Glanzstücke der Ausstellung sind aber vor allem Kinderbücher aus den vergangenen 60 Jahren. Herbert Leupins auf sieben knallige Farben reduzierte Darstellung des gestiefelten Katers (1946) gehört genauso dazu wie Roberto Innocentis 1997 entstandene Illustration zu Hoffmanns „Nussknacker und Mausekönig“, in der der Zeichner durch eine Verschiebung der Perspektive ein fast psychedelisch anmutendes Motiv schafft. Ein Juwel ist zudem Viktor Paul Mohns in Grüntönen gehaltenes Bild aus dem Jahr 1882, das eine in Mondlicht getauchte Moorlandschaft zeigt und den Betrachter geradezu in diese magische, von Schattenwesen bewohnte Welt hinein zu ziehen scheint.

Quelle: op-online.de

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