Idol jenseits der Maske

Henri Matisse, Paris 1948, Farbfotografie, chromogener Farbdruck Sammlung Dr. Marita Ruiter, Galerie Clairefontaine, Luxemburg

Aschaffenburg - Sie gehört zu den wichtigsten Porträtkünstlern des 20. Jahrhunderts, die 1908 in Berlin als Gisela Freund geborene, 2000 in Paris als Gisèle Freund gestorbene Soziologin, Kunsthistorikerin und Reporterin. Von Reinhold Gries

Hauptmedium der Adorno-Schülerin war die Fotografie, auch auf der Flucht vor dem NS-System in Frankreich, England, Argentinien und den USA. Neben Bildreportagen für „Life“ und „Time“ in den 30ern holte sie Schriftsteller, Künstler und Philosophen vor die Linse.

Nicht nur das macht den Reiz der sehenswerten Ausstellung in Aschaffenburgs Kunsthalle Jesuitenkirche aus. Unaufdringlich ist es Freund gelungen, Individualität freizulegen, ohne voyeuristisch zu sein. In sensibler Balance zwischen Vertrautheit und Distanz schuf sie Begegnungen, die wie Ruhe-Inseln wirken. Freunds subtile Tête-à-Têtes kommen ohne Retusche aus. Idole lernt der Betrachter jenseits der Maske kennen, oft in Schwarz-Weiß, ab 1938 auch in Farbe.

Gisèle Freund, Selbstporträt mit Kamera, Mexico City 1950, Schwarz-Weiß-Fotografie, Silbergelatine-Abzug

Die gesamte französische Avantgarde der 30er bis 70er ist vertreten. Mit rotem Schal blickt Schauspielerin Colette, mit rotem Hut die reiche Marie Bonaparte in die Kamera. Surrealisten und Existenzialisten wie Jean Cocteau mit der obligaten Zigarette, der Pfeife rauchende André Breton, der windzerzauste André Malraux, der junge und ältere Jean Paul Sartre mit seiner feministischen Lebensgefährtin Simone de Beauvoir – beide mit Krawatte. Da sind der Dramatiker Eugène Ionesco, der Architekt Le Corbusier, der Dadaist Man Ray. Wundervoll ist der Besuch im Malreich von Henri Matisse und Pierre Bonnard, hinreißend sind die Bildnisse von Schauspielerinnen wie Simone Signoret und Anouk Aimée.

Zwischen Paris, London, New York und Buenos Aires verkehrte Freund mit Mächtigen wie Evita Perón. Dem irischen Romancier James Joyce widmete sie eine Serie, der englischen Autorin Virginia Woolf auch, wie die Inkarnation ihrer Prosa wirkend. In Paris lichtete sie Dichter ab wie den streng gescheitelten T.S. Eliot, den gedankenversunken Samuel Beckett, die Amerikaner Thornton Wilder, Tennessee Williams und John Steinbeck, den Russen Alexander Solschenizyn.

So hatte man alle noch nie gesehen; auch nicht den an einer Figur nestelnden Bildhauer Alberto Giacometti, den an eine Kommode lehnenden Bundeskanzler Willy Brandt oder die Malerin Frida Kahlo beim Entenfüttern, mit rot-weißem Gewand am Bassin stehend. Gemeinsam ist diesen Nahaufnahmen eine fast nachlässig wirkende Präsenz und Gelassenheit der Vorgestellten.

„Gisèle Freund – Fotografie“ in Aschaffenburgs Kunsthalle Jesuitenkirche, bis 1. Januar 2012. Geöffnet Dienstag 14 bis 20, Mittwoch bis Sonntag 10 bis 17 Uhr

1932 dokumentiert Freund die Mai-Demonstration in Frankfurt. Der Betrachter sieht das Unheil förmlich kommen. Für Widerstand steht auch die Bildreportage zum Internationalen Schriftstellerkongress in Paris 1935 mit tausenden Sympathisanten und Protagonisten wie Anna Seghers, Boris Pasternak und Bertolt Brecht. 1936 taucht Freund in nordenglische „distressed areas“ ein, als Kohlerevier einst Wiege des Kapitalismus, nun Notstandsgebiet. Blicke in graue Quartiere, Gassen und Hinterhöfe von Newcastle, Bishop-Auckland oder Cumberland gehen kaum mehr aus dem Kopf. Auch nicht das barfuß an der Tür stehende Kind eines Arbeitslosen.

Quelle: op-online.de

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