Hunger nach neuen Bildern

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Martin Kippenberger, „Kein Capri“, 1981

Darmstadt - Die „Schlacht“ um die neue Kunst begann Ende der 70er Jahre. In die Welt der coolen Minimal und Concept Art platzten neue Bilder wie sprichwörtliche Bomben: ruppig gemalt in spontanem Gestus, grell ausgeleuchtet wie Rock-Bühnen oder düster gehalten in schmutzigen Farben. Von Reinhold Gries

„Heftige Malerei“ nannte man das in den 1980er Jahren in der Kreuzberger Selbsthilfe-Galerie oder um die Disco „SO 36“ mitten in der Punk-Szene. „Wilde Malerei“ hieß das im Gemeinschaftsatelier „Mülheimer Freiheit“ Nr. 110 in Köln oder in der weniger schicken Künstlerszene Hamburgs. Die Kunsthalle Darmstadt greift mit der Sammlung „Tiefe Blicke“ mitten hinein in diese Revolte gegen das Kunst-Establishment, die alte ikonografische Muster umwertet und ironisiert.

Wegen dessen langwieriger Sanierung hat man solche Großformate vermisst wie Helmut Middendorfs „Singer III“, Elvira Bachs Superfrau in „Dreh dich nicht um“, Peter Angermanns „Großes Froschbild“, Milan Kuncs surreales „Maskiert euch!“ oder Walter Dahns und Jiri Georg Dokoupils „Paravent“-Panorama. Auch Blalla L. Hallmanns vierteiliges Tableau „Ihr dort oben, wir hier unten“ und religionskritischen „Einzug der heiligen Inquisition“. Wie frisch gemalt wirken deren gewollte primitive Formen und Farbexplosionen – auch angeregt von frühen Expressionisten, Abstrakten und Graffiti-Sprayern. In den Bildern paaren sich Persiflage und Parodie mit Können.

Nicht von der Punk- und Rockszene zu trennen

Die unorthodoxe Kunstszene war nicht von der Punk- und Rockszene zu trennen. Der passende Rhythmus spiegelt sich im Duktus von Middendorfs irrlichternder Malerei. Bachs schrille Weiber stehen für die Dynamik eines zupackenden wie ironischen Feminismus. Dahns Maltableau „Alternativvorschlag“ lässt – mitten in Kontroversen um Pershing-Nachrüstung – aus Flugzeugen Häuser auf Bomben fallen. Volker Tannerts in den Raum gebogene Mensch-Spirale wirkt wie ein Vorgriff auf Auswüchse der Gentechnik-.

Dazwischen trifft man auf viele Gemälde Martin Kippenbergers. Wie Albert Oehlen oder Bernd Zimmer griff Kippenberger Motive aus dem Bilderarsenal der Konsumgesellschaft und konfrontiert sie mit Vorstellungen von „hoher“ Kunst. Dahinter steht auch Beuys. Aber gegen dessen intellektuelle Überhöhung gingen die „Neuen Wilden“ mit Verve an – so wie die neo-dadaistische Spaßgruppe „Endart“ mit Skulpturen wie „Ursula heiratet Waldi“. An Harald Klingelhöfers Plastiken aus Dämmpappe, Meusers „Denkmal für den 24. November 1983“ oder Felix Droeses Holzbohlen „Fünf stumme Zeugen“ wird deutlich: Typisch war der Hunger nach unangepassten Bildern.

„Schlachtpunk. Malerei der Achtziger Jahre“ vom 31. Januar bis 29. April in der Kunsthalle Darmstadt. Geöffnet: Dienstag bis Freitag 11-18 Uhr, Samstag und Sonntag 11-17 Uhr.

Quelle: op-online.de

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