Renaissance der Romantik

Susanna Majuri überträgt Landschaftsfotos auf Wachspapier, versenkt diese im Wasser und lässt darüber Mädchen schweben.

Bad Homburg - Was vor 200 Jahren in Europa als „Romantik“ ihren Anfang nahm, findet in aktueller Kunst eine Renaissance. Von Reinhold Gries

Die neue Verklärung von Wirklichkeit nutzt dabei andere Mittel, um imposanten Berggipfeln, unendlichen Meeresweiten und magischen Mondnächten den „Schein des Unendlichen“ zu verleihen. Dreizehn internationale Künstler gehen das im Bad Homburger Museum Sinclair-Haus mit Foto- und Videotechnik an.

Alte Vorbilder werden dabei keineswegs geleugnet. Hiroyuki Masuyamas LED-Lichtkästen „The lost works of Caspar David Friedrich“ sorgen gar für ein Revival von in Kriegswirren verloren gegangenen Gemälden wie „Morgennebel im Gebirge“ und „Greifswalder Hafen“. Masuyama nutzte alte Fotografien, um aus über 1000 Einzelaufnahmen ein virtuoses „Digital Composing“ zu veranstalten. Friedrich-Sujets lässt auch Kris Martin auferstehen. Felsgipfel simuliert er in Miniatur durch einen zerklüfteten Stein, auf dem ein Papier-Gipfelkreuz wie ein ironisches Zitat wirkt. Darren Almond sorgt bei Vollmond an Friedrichs Kreidefelsen auf Rügen mit langen Belichtungszeiten für magische Fotomomente, noch bizarrer als bei Friedrich.

Elger Essers Nil-Fotografien scheinen aus der Zeit gefallen zu sein. Die fast unendlichen Licht-Luft-Räume werden durch Bildbearbeitung am Computer erzeugt. Mystisch verklärt auch die Bildserie „Eyescapes“, von Melanie Viora direkt am menschlichen Augapfel fotografiert, der Berge, Bäche, Seen und Flüsse diffus spiegelt. Melanie Neudeckers „Ship“-Aquarium bietet nicht diese Entgrenzung, wenn es ein Segelschiffmodell ins mit Lebensmittelfarben getönte Salzwasser stellt. Überzeugender sind ihre in Grönland entstandenen Videos, Polaroid- oder Lochkamera-Fotos, die in die Skulptur eines Eisberges münden.

Faszinierende Zwischenwelten schafft Susanna Majuri in auf Wachstücher aufgetragenen Landschaftsfotos, die sie im Schwimmbecken versenkt. Darüber lässt sie in „Winter“, „Falling“ oder „Sirenengesänge“ Mädchen in Kleidern schwerelos schweben, um in verwirrenden Überlagerungen neue Märchen zu zaubern. Sehr imaginativ auch José Maria Mellados Fotopanoramen zu Island, Mittel- und Südamerika, in denen sich eine kleine Radarstation auf einer Klippe verliert oder ein elegantes Hotel vor gewaltigem Wasserfall fast verschwindet.

„Im Schein des Unendlichen“ bis 24. Februar 2013 im Sinclair-Haus, Bad Homburg. Geöffnet: Dienstag 14-20 Uhr, Mittwoch bis Freitag 14-19 Uhr, Samstag und Sonntag 10-18 Uhr.

Marina Abramovics Hingabe führt so weit, dass sie sich für ihre Videosequenz von der Vulkaninsel Stromboli, fast willenlos am Strand liegend, von Wellen überspülen lässt. Alec Soths Foto-Serie „Broken Manual“ porträtiert mit der Plattenkamera Aussteiger fern der Zivilisation. Aus einem Forst taucht in Bill Violas Video „Reflecting Pool“ ein Mann auf, springt in voller Montur ins Wasser, taucht wieder auf, um dann nackt im Wald zu verschwinden. Poetischer wirkt Christoph Brechs Film „Monsalvat“. Seine Gralsburg ist eine vom Neonlicht erhellte Brücke, unter der Schwäne nachts ihre unnachahmliche Choreographie aufführen. Außengeräusche werden vom brüchigen Sound einer alten Platte mit Richard Wagners „Lohengrin“-Ouvertüre übertönt. Das romantische Prinzip siegt über Banalität.

Quelle: op-online.de

Kommentare