Oliver Klucks „Was zu sagen wäre warum“ am Schauspiel uraufgeführt

Autor im Jammertal

Vincent Glander verkörpert als „Ich“ die autobiographisch gefärbte Figur eines Jungdramatikers. - Foto: Hupfeld

Frankfurt - Der Autor ist erwartungsgemäß nicht angereist, er fehlte bei der Schlussverbeugung. Krach geschlagen hatte Oliver Kluck vor der Uraufführung seines neuen Stücks „Was zu sagen wäre warum“ in den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels. Von Stefan Michalzik

Die Strichfassung der Regisseurin Alice Buddenberg kanzelte er als in ihrer Chronologie als „blödsinnig“ ab. Zum Idioten gemacht fühle er sich, den Vertrag mit seinem Theaterverlag hat er auch gekündigt.

Das Theater scheint auf das Leben überzugreifen. Denn die Hauptfigur des Stücks ist ein junger Dramatiker. Der Schauspieler Vincent Glander zeichnet ihn als einen verdrucksten Intellektuellen mit Stirnglatze, auf der Brust seines Pullis scheint eine Aktienkurve steil abwärts zu stürzen. Er hat gerade einen weiteren Preis bekommen. Brecht, sagt er, ist tot, Einar Schleef, Thomas Bernhard, Heiner Müller auch. Viel Hoffnung laste nun auf ihm. Einen Anzug besitzt er nicht, das Theater apostrophiert er als „gesellschaftsredundanten Diskursraum einer assimilierten Minorität, einer Oberschicht“.

Tatsächlich wird Kluck, 1980 oberschichtfern als Sohn eines Hilfsarbeiters und einer Friseuse auf Rügen geboren, als Talent gehandelt. Seine Figur hat er mit „Ich“ bezeichnet, die autobiografische Verbindung ist aber ohnedies offensichtlich. Dass der Autor „der Idiot, den man vorführt“ sei, heißt es übrigens auch im Text. Der Monolog am Anfang kündet von einer Distanz zum Theaterbetrieb. All das Gewese! Außerdem gibt das Theater für den Dramatiker weniger aus als für die Schranke am Bühneneingang. Beziffert bekommt man das in der offenkundig von Kluck selbst verfassten Biografie am Ende des Programmhefts. 700 Euro netto beziehe er monatlich an Tantiemen für die Aufführung seiner Stücke.

Wie man sich für ein derartiges Dasein als Hungerleider entscheiden kann, das ist – wir sind wieder zurück im Stück – einem Vater nicht begreiflich zu machen. Väter, heißt es im Personenregister. Kondensiert sind der eine, der von der Bildung und der Politik nichts wissen will, und der andere, mit dem man sich über Philosophie unterhalten kann und der in Dichterworten spricht, in Thomas Huber, der mit der ihm eigenen radikalen Körperlichkeit spielt, nackt bis auf die Inkontinenzwindel zunächst und den Rest des Abends in Unterwäsche.

Der Vater ist gestorben, seine Habe lagert in Vitrinenschränken rundum auf der leicht nach vorn abfallenden Bühne von Cora Saller. Auch das zunächst als Chor in Erscheinung tretende Erinnerungspersonal windet sich zwischen den Glastüren hervor. Heidi Ecks ist die mädchenalte heimliche Geliebte mit verfilztem Blondhaar. Oliver Kraushaar der grotesk aufgepolsterte Versicherungsagent, der ob der Lügen, die er gehandelt hat, irgendwann flennend zu Boden geht. Später häutet er sich zum stramm-ranken Apostel der Lebensbejahung, zum Gegenentwurf wider dieses kleinbürgerliche Suff-, Siff- und Jammertal, und tüncht sich den Körper golden.

Es ist das archetypische Motiv des katastrophalen Unverständnisses zwischen Vater und Sohn, dem Oliver Kluck eine neue Variante hinzugefügt hat.

An der „Fassung des Schauspiel Frankfurt“ – weshalb hat Kluck die Aufführung eigentlich nicht unterbunden, wenn er sie entstellend findet, der Verdacht auf eine Thomas Bernhardsche Koketterie steht natürlich längst im Raum – ist nichts auszusetzen. Nein, nein: Kein Grund zur Aufregung, wie ein Idiot steht hier niemand da. Die Regie trifft den Kern. Das Stück ist über die bloße Handwerkskunst hinaus, wie sie am Leipziger Literaturinstitut gelehrt wird, wo Kluck studiert hat, ansehnlich.

Der Autor mag sich mit der Inszenierung um das Theater – zielbewusst? – vergaloppiert zu haben; er scheint es aber, das hat er mit seiner Figur gemeinsam, ernst zu meinen mit seinem Moralismus und der Frage nach der Zementierung oder der Veränderbarkeit der Verhältnisse. Brecht, Schleef, Müller, Bernhard – und nun Kluck? Das allerdings bleibt abzuwarten.

‹ Weitere Aufführungen am 24, 30. und 31. Mai.

Quelle: op-online.de

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