Autorenschicksale in Selbstzeugnissen

Es gibt schon leichtere Schicksale als das, begabtes Kind eines Genies zu sein. Darüber wussten auch Erika und Klaus Mann manches Wort zu machen. Die ältesten und neben ihrem Bruder Golo schriftstellerisch sicher talentiertesten der sechs Sprösslinge von Literaturnobelpreisträger Thomas Mann mussten zeitlebens wenig schmeichelhafte Vergleiche erdulden. Von Markus Terharn

Heute sind sie an erkannt genug, dass sich eine ganze Lesung mit autobiografischen Texten gestalten lässt, wie jetzt im Schauspiel Frankfurt.

Aus dem TV-bekannten Realroman der deutschen Jahrhundertfamilie boten Anne Tismer und Marc Oliver Schulze in einer Stunde nur einen engen Ausschnitt. Eltern und Geschwister blieben Randfiguren – was angesichts der Materialfülle nicht anders möglich war. Eine Verkörperung der Personen fand nicht statt; falls eine Interpretation beabsichtigt war, geriet sie überraschend: So gab das einstige Ensemblemitglied Tismer der burschikosen Erika mädchenhafte Töne, während der aktuelle Theaterstar Schulze dem drogensüchtigen, offen homosexuellen Klaus seine markante männliche Stimme lieh.

In Künstlerzivil an Tischen sitzend und Wasser trinkend, arbeiteten da zwei Bühnentiere exklusiv mit sprachlichen Mitteln. Von behüteter Münchner Kindheit mit unfreiwillig komischen dichterischen Anfängen über Berliner Bohèmejahre und schweizerisches, dann amerikanisches Exil bis zur Rückkehr ins zerstörte Europa zeichneten Tismer und Schulze das Porträt zweier profilierter Intellektueller und entschiedener NS-Gegner mit komplexer Privatsphäre.

Wer Englisch verstand und mit der Geschichte der Manns in Grundzügen vertraut war, hatte einen klaren Vorteil. Ansonsten erfreute sich das Publikum im Großen Haus an mätzchenfreiem Vortrag geistvollen Stils. Das hübscheste Zitat, eine ironische Würdigung früher mimischer Bemühungen seiner Abkömmlinge, lieferte übrigens doch der Übervater, der „Zauberer“, wie sie ihn nannten. Dass die 20 Jahre, um die Erika den Freitod von Klaus (1949) überlebte, arg knapp abgehandelt wurden, war schade, aber dem Konzept des Doppelabends geschuldet.

Quelle: op-online.de

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