1850 von Hergershausen nach Chicago

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Die amerikanischen Hergets zu Gast in Hergershausen – beim Besuch ging’s außerdem gemeinsam nach Würzburg sowie zum großen Familien-Treffen in die Rhön.

Hergershausen - Wenn in Deutschland von Familienbanden die Rede ist, bezieht sich das im übertragenen Sinne oft nur auf Tante Elfriede oder Onkel Helmut. Darüber können Brigitte (49) und Hans-Peter Herget (55) nur lächeln: Wenn bei ihnen die Familie zusammen kommt, muss gleich ein ganzer Bus gemietet werden, um die Sehenswürdigkeiten der Region abzufahren. Von Michael Just

Die Verwandtschaft kommt dabei nicht gerade aus dem Nachbarort, sondern aus den Vereinigten Staaten: Drei amerikanische „Herget-Familien“ mit elf Mitgliedern waren in den vergangenen Tagen in Hergershausen zu Gast. Deutliches Zeichen: In der Eckstraße wehte mit den „Stars and Stripes“ die amerikanische Flagge im Vorgarten.

Als im Jahr 1850 viele Menschen wegen Hungersnöten und der schlechten wirtschafltichen Lage in die neue Welt aufbrachen, segelte auch Philipp Herget mit über den großen Teich. Dessen Nachfahren haben ihre Wurzeln nicht vergessen, allen voran Tom Herget aus Chicago/Illinois. Rund 30 Mal war der Rentner schon in Deutschland. „Meine Vorfahren sind im nächsten Haus geboren“, sagt er in passablem Deutsch und de utet dabei auf ein Fachwerkhaus im Hergershäuser Ortszentrum. Genauer muss man bei dem 58-Jährigen hinhören, wenn man ihn nach seinem ehemligen Beruf fragt. Beim Wort „Versicherungsmathematiker“ geht das meiste im amerikanischen Akzent unter.

Brigitte Herget zeigt das selbst gemachte T-Shirt, das die enge Verbindung der Hergets zu Hergershausen verdeutlicht.

Seine regelmäßigen Besuche in Germany sind neben der Liebe zu seinen Verwandten auch seinem Hobby, der Ahnenforschung, zu verdanken. Dafür lernte er sogar die altdeutsche Sütterlin-Schrift. Bis ins 16. Jahrhundert hat er mittlerweile den Stammbaum seiner Familie zurückverfolgt und dabei rund 1 000 Hergets ausfindig gemacht. „Nicht einfach wird es immer dann, wenn die Einträge in lateinisch oder durch napoleonische Besetzung auf französisch verfasst sind“, sagt Herget über seine Recherchen in den alten Kirchenbüchern. Bei seinen Nachforschungen führte ihn sein Weg immer wieder in die Rhön, die neben Hergershausen die zweite „Herget-Hochburg“ darstellt. Dort kamen auf Initiative des „Sippenchefs“, wie er liebevoll genannt wird, vor wenigen Tagen 200 Hergets aus nah und fern zusammen.

Die Familie von Hans-Peter Herget war bisher nur einmal zum Gegenbesuch in den USA. „Das hat leider aus beruflichen Gründen nicht mehr geklappt“, sagt der Continental-Mitarbeiter. „Vielleicht fahren wir bald mal wieder“, ergänzt seine Frau und verweist dabei auf eine mögliche Initiative, die diese Woche entstehen könnte, wenn der Hergershäuser Herget-Clan sich gemeinsam die Fotos vom jüngsten Treffen anschaut.

Historie der Herget-Familie

Um 1720 tauchte zum ersten Mal der Name Herget in Hergershausen auf. Er geht auf einen Schneidermeister zurück, der aus der Nähe von Fulda in die Babenhäuser Gegend kam. Die Wurzeln des amerikanischen Herget-Clans lassen sich vor allem an Philipp Herget festmachen, der vor sechs Generationen (um 1850) nach Pekin/Illinois auswanderte. Mit Sack und Pack verließ er aus wirtschaftlichen Gründen Hergershausen und das in einem hohem Alter. In seiner neuen Heimat findet sich noch immer sein Grabstein, der in deutscher Sprache gehalten ist und von seinem Tod 1871 kündet. Unter anderem sind Hergershausen und Hessen darauf eingraviert. Auf den damaligen Auswanderer gehen rund 70 Hergets zurück, die heute in den Vereinigten Staaten leben. Da können die Worte von Tom Herget den Kern nicht besser treffen: „Bei uns lebt ein Stück Hergershausen in Amerika.“

Für das Ehepaar ist es aber fast noch wichtiger, dass die Kinder auf den beiden Kontinenten in Kontakt bleiben: „Die erweitern mit einer solchen Reise ihren Horizont und als nachkommende Generation liegt es vor allem an ihnen, dass die Verbindung nicht abreißt.“ Insgesamt blieb der Besuch aus Amerika acht Tage in Deutschland, zwei davon in Hergershausen und fünf im Raum Fulda. In Hergershausen waren die Gäste auf sechs der insgesamt acht Herget-Familien im Ort verteilt. Dem amerikanischen Nachwuchs, der in vielen Fällen nicht das erste Mal in Deutschland war und zum Teil schon Hamburg, Berlin oder Baden-Baden weilte, schien es gut zu gefallen. Kayla (22) und Mollie Herget (25) finden besonders Burgen, Kirchen, aber auch die Geschäfte und das Eis reizvoll. „Ich könnte mir auch vorstellen, in einem Fachwerkkaus zu wohnen“, sagt Kayla, die ebenfalls schon sehr gut deutsch spricht. Wie sie erklärt, habe sie sich aufgrund ihrer Vorfahren zum Deutsch-Unterricht entschlossen, auch wenn Spanisch wegen der vielen mittelamerikanischen Immigranten in den USA die praktischere Sprache gewesen wäre.

Die Frage an die Herget-Töchter, was ihnen zu Deutschland spontan einfällt, endet mit einer Überraschung. „Es ist Knut. Von eurem Eisbär haben wir in Amerika und bei uns im Zoo die ganze Zeit gehört“, erzählt Mollie, die in der Tierforschung im Tierpark von Chicago arbeitet. „He is really famous“ – er ist wirklich berühmt“, schließt sie an.

Quelle: op-online.de

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