Alte Ölheizung ist die Rettung

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Beatrice Fischer-Duttine in einem der Gewächshäuser der Gärtnerei Fischer. Der Familienbetrieb ist über die Jahre auf die Größe von vier Fußballfeldern gewachsen.

Hergershausen ‐ Wenn Beatrice Fischer-Duttine derzeit die Wettervorhersage mit Temperaturen von bis zu elf Grad plus hört, entfacht dies ein Wohlwollen: „Das nehmen wir gerne. Von Michael Just

Den Winter könnte ich ohnehin abschaffen weil er einfach zu teuer ist“, sagt sie mit Blick auf das nötige Erwärmen der Gewächshäuser ihrer Gärtnerei in der kalten Jahreszeit.

Wärme ist dringend notwendig – haben die Pflanzen doch in den vergangenen Wochen nicht viel davon abbekommen. Seit es vor zwei Wochen im Blockheizkraftwerk auf dem Betriebsgrundstück gebrannt hat, 40 Feuerwehrleute anrücken mussten und ein Sachschaden von rund 400.000 Euro entstand (wir berichteten), konnten die Treibhäuser nur behelfsmäßig beheizt werden. Etwa 10.000 Pflanzen sind kaputt.

Jedes Grad mehr Wärme zählt: Neben der Heizung gehören deshalb reichlich Folien zum winterlichen Gewächshaus.

In den vergangenen Tagen haben Kripo, Versicherung und Sachverständige den technischen Defekt begutachtet. Das Kraftwerk gehört zwar nicht den Fischers, doch die abgenommene Wärme ist in sieben Monaten im Jahr ihre Existenzgrundlage. Momentan überbrückt die alte, eigentlich ausrangierte Ölheizung, die vor dem Blockheizkraftwerk ihren Dienst verrichtete, die Situation, bis alle „Brandformalien“ geklärt sind. „Wenn wir die nicht hätten, wäre ich schon in den Main gesprungen“, sagt die gebürtige Aschaffenburgerin und verweist auf das oft zitierte Glück im Unglück. Schon gleich nach dem Brand begannen für Beatrice Fischer-Duttine die Überlegungen, wie die zukunftsorientierte und zugleich umweltgerechte Energieversorgung des Betriebs aussieht. Pellets, Solar, Thermik – viele Optionen sind möglich.

12.000 Quadratmeter Freiland

Auch wenn durch die Beet- und Pflanzzeit die meiste Arbeit im Frühjahr und im Sommer steckt, werden Stecklinge das ganze Jahr groß gezogen. Im Winter hilft dafür eine Heizung und zusätzliche Planen. Während bei einigen Pflanzen frostfrei reicht, wollen es andere mit 20 Grad schön warm haben. So wird im Jahr Energie von 2,2 Millionen Kilowattstunden Gas oder umgerechnet 220.000 Liter Öl benötigt.

Mit ihrem Mann Wolfgang und dessen Bruder Stefan leitet Beatrice Fischer-Duttine einen der drei großen Gartenbaubetriebe in Hergershausen. Wer auf der kleinen Verbindungsstraße nach Sickenhofen fährt, ahnt beim Blick auf die „Bachwiese“ linker Hand kaum, dass dort insgesamt 15.000 Quadratmeter unter Glas stehen. Hinzu kommen noch 12.000 Quadratmeter Freiland, was insgesamt drei Hektar ergibt. Gezogen werden Hyazinthen, Narzissen, Chrysanthemen, Primel, Stiefmütterchen, Tulpen, Osterglocken, sowie Beet- und Balkonpflanzen wie Geranien oder Fuchsien.

Geliefert wird an diverse Großabnehmer, die bis an der französischen Grenze sitzen. Mit eigenen Lkw werden zudem Märkte einer großen Kette angefahren und auch auf dem Frankfurter Blumengroßmarkt ist man vertreten. 150.000 Geranien oder 50.000 Weihnachtssterne im vergangenen Jahr verdeutlichen die Größenordnungen. In Quere kommt man sich mit den anderen beiden Großbetrieben in Hergershausen durch unterschiedliche Abnehmer und Vertriebswege nicht.

Modernste Technik

Die Schwiegereltern von Beatrice Fischer-Duttine, Ronald und Anni Fischer, legten 1964 den Grundstock. Vom Krieg aus den deutschen Gebieten in Tschechien vertrieben, erwarben sie Stück für Stück mehr Land. „Ihnen ist nichts in den Schoß gefallen. Die ersten Gewächshäuser bestanden aus Baumstämmen und drübergespannter Folie“, erzählt die 44-jährige respektvoll. Heute wird eine Fläche in der Größe von vier Fußballfeldern eingenommen, die acht Festangestellte und nochmal so viele Saisonhelfer im Sommer bewirtschaften. Über die Jahre hat modernste Technik Einzug gehalten wie die „Ebbe-und-Flut-Anlage“ zum Wässern der Pflanzen.

Trotz des Fortschritts ist es immer noch ein reiner Familienbetrieb. Bis zur „fertigen Pflanze“ braucht es einen mehrmonatigen Vorlauf. Derzeit werden zum Beispiel die Geranien für den April getopft. So richtet sich das Leben der Fischers nach dem Werdegang der Natur. „Mein Mann und ich haben zwischen zwei Pflanzkulturen geheiratet. Die neue Lieferung war noch nicht da“, erzählt die Mutter einer elfjährigen Tochter. Wenn man hört, dass sie zudem noch als Stadtverordnete im Babenhäuser Parlament sitzt, lässt sich verstehen, dass sie seit ihrer Heirat vor 13 Jahren nicht mehr im Urlaub war.

Der Brand war ein Schock für die Familie, von dessen Folgen sie sich noch erholen muss. Hoffentlich hilft dabei auch das wärmere Wetter.

Quelle: op-online.de

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