Wenn der Ameisenstaat umzieht

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180 Fotos hat Dirk Alexander Diehl, Biologe und Langstädter NABU-Vorsitzender, für seinen Vortrag über „Das spannende Leben der Bienen, Wespen und Ameisen“ herausgesucht.

Langstadt - „Eigentlich könnte ich zu diesem Thema stundenlang referieren und erzählen“, sagte Dirk Alexander Diehl, Biologe und Langstädter NABU-Vorsitzender. Von Michael Just

Er hatte sich als Referent für die erste Veranstaltung der Naturschützer im neuen Jahr ein mehr als umfassendes Thema ausgesucht: „Das spannende Leben der Bienen, Wespen und Ameisen“ hieß es am Mittwoch im alten Rathaus.

Was Überlebensstrategien oder Staatenbildung von Bienen, Wespen und Ameisen angeht, ließe sich normalerweise mit nur einer dieser drei Gruppen ein Abend füllen. Diehl gelang es, alles in einen Vortrag von eindreiviertel Stunden zu packen. Trotz der Fülle an Informationen: kurzweilig. „Für Insekten sind ihr Außenskelett und ihre sechs Beine bezeichnend. Die größte Insektenordnung in Europa stellen mit 15 000 Arten die Hautflügler, zu denen sowohl Bienen, Wespen und Ameisen gehören“, führte Diehl an. Nicht alle Hautflügler hätten auch Flügel. Aber ganz gewiss beißendes Kauwerkzeug. Mit am spannendsten zeigte sich der Vortrag immer dann, wenn‘s um ungewöhnliche Verhaltensmuster ging.

Hochspezialisierte Sklavenjäger

Eine Insektenrarität: Die Haarige Holzameise tritt in den Kiefernwäldern von Babenhausen auf. Sie ist am hinteren Teil ihres Körpers außerordentlich stark behaart.

Amazon-Ameisen beispielsweise sind hochspezialisierte Sklavenjäger. Im Laufe der Evolution haben sie das auf eine Weise ausgebaut, dass sie ohne ihre Sklaven gar nicht mehr überlebensfähig wären. Bei ihren Raubzügen erbeuten sie die Larven und Puppen anderer Ameisen. Im eigenen Nest werden diese so aufgezogen, dass die Sklaven die komplette Versorgung samt Fütterung übernehmen.

Einfallsreich zeigen sich auch Kuckucksbienen, die – wie im Reich der Vögel – die Fürsorgeleistung anderer ausnutzen. Die Brutparasiten schmuggeln ihre Eier in die Zellen anderer Bienenarten. Die Schmarotzerlarve saugt das Wirtsei aus und tötet damit die Wirtslarve. Der Nachwuchs wird so auf bequeme Weise von fremder Seite großgezogen.

Beeindruckende Fotos

Beeindruckende Fotos hatte Diehl von Bienen parat, die ein Nickerchen machten. Kaum einer der rund 30 Zuhörer wusste im Vorfeld, dass Bienen sich ebenfalls eine Mütze Schlaf genehmigen. Zuvor beißen sie sich mit ihrem Kauwerkzeug fest, sodass sie beim Schlummern nicht wegrollen.

Ameisen melken Blattläuse, die auf einem Zweig sitzen.

Keine Entwarnung konnte der Langstädter NABU-Vorsitzende bei der bekanntesten heimischen Bienenart, der Honigbiene, geben. Die Varroamilbe hat schon unzählige Völker dahingerafft und zu einem großen Bienensterben in jüngster Zeit geführt. „Die Milbe ist nur schwer zu bekämpfen“, konstatierte der Biologe. Zusätzlich machten den Bienen der Klimawandel, das geringe Nahrungsangebot und Chemikalien das Leben schwer. Aus diesem Grund gebe es kaum noch Wildbienen, weshalb fast alle fleißigen Pollensammler heutzutage Zuchtvölkern angehören.

Laut Diehl kann sich Babenhausen und Umgebung rühmen, drei Insektenraritäten eine Heimat zu bieten. Das sind die Kreiselwespe, die Heuschrecken-Sandwespe sowie die Haarige Holzameise. Die Kreiselwespe und die Heuschrecken-Sandwespe gehören zur Unterfamilie der Grabwespen und lassen sich im Naturschutzgebiet „In den Rödern“ finden. Im Flugsandgebiet des ehemaligen US-Truppenübungsplatzes fühlen sie sich wohl.

Heuschrecken-Sandwespe ist selten

Die Heuschrecken-Sandwespe ist so selten, dass sie noch nicht allzu lange über einen deutschen Namen verfügt. In den Kiefernwäldern von Babenhausen tritt die Haarige Holzameise auf, die am hinteren Teil ihres Körpers außerordentlich stark behaart ist. Mit Aschaffenburg und Seligenstadt liegt in der hiesigen Region ihr bundesweites Zentrum. In ihrem Hauptkernland, dem Mittelmeerraum, ist sie derzeit durch eine Ameisenart aus Argentinien, die eingeschleppt wurde, der Verdrängung ausgesetzt.

2007 siedelten Babenhäuser Naturschützer im Zuge der Erweiterung der Kiesseen eine Population der Haarigen Holzameise um. Dafür wurden Baumstämme, in denen die Insekten vor allem in den Abendstunden sitzen, an andere Plätze verfrachtet. Weitere Arbeiterinnen, die sich gerade nicht im Baumstamm aufhielten, fingen die Helfer mit einem Insektensauger ein. Auf vier neue Plätze verteilt ging der Versuch einher, durch Streuung die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass wenigstens einer oder zwei der ausgewählten Orte angenommen werden. Am Ende fühlten sich die Krabbler in allen Revieren wohl.

Diese Tierarten sind nach Deutschland eingewandert

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Zum Abschluss seines Vortrags rief Diehl dazu auf, sich einmal intensiv mit dem riesigen Bereich der Insekten zu beschäftigen. Das sollte laut Biologen aber nur unter Vorbehalt geschehen: „Vorsicht, Suchtgefahr“, gab er seinen Zuhörern als Ansporn mit auf den Nachhauseweg.

Quelle: op-online.de

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