Als die Amerikaner kamen

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Ehemalige Archivarin und Zeitzeugin: Ria Fischer.

Babenhausen ‐ Heute vor 65 Jahren marschierten amerikanische Truppen in Babenhausen ein. Während in Teilen Deutschlands noch bis zum 8. Mai gekämpft wurde, war der Zweite Weltkrieg für die Stadt damit vorbei, wie sich Zeitzeugin Ria Fischer erinnert. Von Niels Britsch

Die 84-jährige gebürtige Babenhäuserin arbeitete damals in der Stadtverwaltung, stichwortartig führte sie Tagebuch und hat so ihre Eindrücke aus den letzten Kriegstagen festgehalten. „Hunderte von Hiltlerjungen drängten sich am 24. März, dem Tag bevor die Amerikaner kamen, mit Panzerfäusten durch die Straßen, um die Mainbrücke an der heutigen B26 zu verteidigen“, erinnert sie sich. „Der Volkssturm war aufgestellt, kam aber nicht zum Einsatz.“

Das Näherkommen der Amerikaner habe man zwar am Gefechtslärm gehört, trotzdem hätte niemand damit gerechnet, was auf die Gegend am Palmsonntag, 25. März 1945, zukommen würde: „Eine unglaubliche Menge an Soldaten, Panzern, Jeeps und Ausrüstung rollte durch unser Babenhausen.“ Obwohl es sich nach damaligem Verständnis um den Feind gehandelt habe, sei diese Masse an Menschen und Material „faszinierend“ gewesen.

Ohne Gegenwehr nahmen die Amerikaner die Stadt ein. „Beim Einmarsch gab es keinen Widerstand. Lediglich am Postamt fuhr ein Lkw mit jungen Burschen vor, die mit Panzerfäusten bewaffnet waren. Nur auf gutes Zureden von Anwohnern verließen sie wieder die Stadt.“

„Noch nicht befreit gefühlt.“

Die Bevölkerung reagierte zunächst zurückhaltend auf die amerikanischen Besatzer: „Also mit Blumen sind sie nicht empfangen worden.“ Bis zum endgültigen Kriegsende im Mai habe es einzelne Zwischenfälle von Widerstand gegeben, aber auch eine vorsichtige Annäherung habe stattgefunden. „In Einzelfällen gab es Übergriffe der Kampftruppen auf die Zivilbevölkerung – was heute noch ein Tabuthema ist.“ Ebenso sei es zu Plünderungen gekommen, auch durch Deutsche. „Die Amerikaner hatten so etwas nicht nötig.“

Die Anwohner traten den Besatzern vorsichtig gegenüber, sie seien aber auch überrascht von der großen Anzahl dunkelhäutiger amerikanischer Soldaten gewesen: „Die Farbigen waren der Anziehungspunkt für die Kinder, die es faszinierend fanden, so viele schwarze Menschen zu sehen. Außerdem waren sie großzügiger mit den Kaugummis.“ Überhaupt sei das erste englische Wort vieler Kinder „Chewing Gum“ gewesen. „Einige haben die Kaugummis heruntergeschluckt und mussten dann wegen Verdauungsbeschwerden zum Arzt.“

Zwar war mit dem Einmarsch der Amerikaner für die Babenhäuser der Krieg vorbei, doch Ria Fischer erzählt von ihren zwiespältigen Gefühlen damals: „Es war eine große Erleichterung, dass es keine Bombenangriffe mehr gab. Ich war erst einmal froh, dass ich noch lebte und die ständige Schießerei aufhörte, aber befreit habe ich mich zu dieser Zeit noch nicht gefühlt, das kam erst später.“ Denn die Amerikaner waren damals noch die Feinde. „So wie wir erzogen worden sind, das war totalitär und falsch – und unsere Lehrer waren Täter und Opfer zugleich."

Bis heute beschäftigt sich die ehemalige Stadtarchivarin mit dem Thema, in ihrem Regal stehen unzählige Bücher: über jüdisches Leben in Babenhausen, die Pogromnacht in Hessen, über „Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus“ oder Biografien von Hitler und Speer.

Quelle: op-online.de

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