„Ein Eis gehört eben dazu“

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Was wäre ein Schwimmbad-Besuch ohne Eis? Im Kiosk muss die Eis-Truhe immer gut gefüllt sein.

Babenhausen - Die hochsommerlichen Temperaturen lassen viele Menschen vor den Freibad-Kassen stehen. Sie suchen Abkühlung, dazu soll möglichst viel Sonne auf den Bauch scheinen, um braun zu werden. Von Michael Just

Für viele gehören aber auch Pommes rot/weiß oder ein Eis zu einem Schwimmbad-Besuch einfach dazu. In Babenhausen ist die „Snack-Attacke“ und Erfrischungsstelle auf dem Deck von „Jenny“ angesiedelt. Am Wochenende und an heißen Tagen bildet sich vor der Ausgabe meist eine lange Schlange. Francesco Capobianco heißt der Mann hinter dem Tresen, der in Babenhausen für Abhilfe gegen Durst, den kleinen Hunger oder das Verlangen auf etwas Süßes, sorgt. Noch gut kann er sich daran erinnern, als sein Chef, der neben dem Schwimmbad-Kiosk in Babenhausen auch den in Eberstadt betreibt, zu ihm sagte, dass er ab heute Kapitän ist. Zuerst wusste der 61-Jährige damit nichts anzufangen – bis er „Jenny“ und damit seinen neuen Arbeitsplatz sah. „Das Schiff ist klasse. Nur die Platzverhältnisse sind hier sehr beengt“, sagt der Italiener über das rund 20 Quadratmeter kleine Räumchen auf Deck, in dem Herd, Friteuse, Kühlschrank sowie Ablage- und Stauregale dicht an dicht stehen. Bei Hochbetrieb wird’s schnell mal hektisch, da nur eine Friteuse bei einem Durchgang nicht mehr als zehn Portionen abwirft. „Ohne die Kapazitäten zu kennen, sind die Leute dann manchmal sauer auf mich, wenn sie in der Hitze warten müssen“, erzählt Francesco. An einem Hochsommertag gehen mehrere hundert Portionen Pommes raus.

Im Bauch von „Jenny“ wird der Nachschub gelagert. Hier baute die Stadt vor wenigen Wochen einen großen Kühlraum ein, dazu gibt es eine Gefriertruhe. Einen Stock höher sind die Verkaufsschlager neben Pommes vor allem Eis und Slush – ein halb gefrorenes Erfrischungsgetränk. Der Nachwuchs gehört mit zu den besten Kunden von Francesco. Manchmal bringen sie ihn aber auch zur Verzweiflung. Das ist immer der Fall, wenn sich eine lange Schlange über das gesamte Schiff zieht und die „Kurzen“ an der Ausgabe minutenlang auf die Eiskarte schauen und überlegen, was man denn mal nehmen könnte. „Willst du oder willst du nicht?“, versucht er das Grübeln dann mit einer Frage zu beschleunigen. Ist die Wahl endlich getroffen, wird oft noch genauso lang im Brustbeutel nach dem passenden Kleingeld gesucht. „Die Kinder sind oft die Killer einer schnellen und rationellen Abfertigung“, sagt der Italiener schmunzelnd.

Francesco und sein Chef sind neu in Babenhausen. Für sie ist es die erste Saison. Ihr Vorgänger machte die Arbeit nur ein Jahr. Bei gutem Wetter sind die neuen Betreiber mit dem Umsatz zufrieden. Eigentlich hat Francesco, der aus Mainz kommt, zwei Berufe: einen Winter- und einen Sommerjob. In der kalten Jahreszeit arbeitet er als Koch, im Sommer im Kiosk. Ist das Wetter durchwachsen, steht der 61-Jährige alleine hinter dem Tresen. Schlägt das Thermometer aus, stellt ihm sein Boss eine Verstärkung an den Herd.

„Für uns geht es bei jedem Schwimmbad-Besuch mindestens einmal zum Kiosk“, sagt Mutter Christine Lotz (41). Manchmal isst sie mit ihrem Nachwuchs, wenn´s später wird, hier gleich zu Abend. Laut Lotz ist das Kiosk für viele Kinder bedeutender als man glaubt: „Das Eis oder die Pommes gehören für die Kleinen zum Höhepunkt im Schwimmbad“, sagt sie. Anja Ohms aus Mühlheim war diese Woche das erste Mal im Babenhäuser Bad. Das Angebot beim Essen findet sie klasse: „Bei uns in Mühlheim gibt’s nur Rindswurst oder Brezel.“

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Die Vielfalt beschert Francesco aber immer wieder Stress, wenn innerhalb weniger Minuten Dutzende Bestellungen von Schnitzelbrötchen, Cheeseburger, Puffreis, Apfelsaftschorle oder Bum-Bum-Eis auf ihn einpurzeln. Dann muss es oft über mehrere Stunden schnell gehen. Wenn die Besucherzahl im Bad vierstellig ist, herrscht von 11.30 bis 19 Uhr, mit nur wenigen Unterbrechungen, Hochbetrieb und Fließbandarbeit. In fast Stakkato ähnlichem Zustand schallt dann „Nächster“ und damit die Aufforderung zum Aufrücken über das Boot. Einen freien Tag hat der Italiener, der schon lange in Deutschland ist, nicht. Nur bei schlechtem Wetter ist Entspannung und „piano“ möglich. Ansonsten wird geklotzt, denn ein Schwimmbad-Kiosk muss in einem kleinen Zeitfenster aus wenigen Wochen möglichst viel Umsatz abwerfen. Es gehört zur Sparte „Risiko-Geschäft“, erst recht in Deutschland. Das zeigte sich im Juni, als bei Dauerregen die Einnahmen ausblieben und mit Blick auf die Pacht rote Zahlen geschrieben wurden.

Wenn Francesco abends nach einem heißen Sonnentag ermattet das Bad verlässt, weiß keiner besser als er selbst, was er geleistet hat. „Dann will man nur noch auf die Couch, ein bisschen fernsehen und danach ins Bett“, erzählt er. Trotzdem ist ihm diese Arbeit lieber als seine Tätigkeit im Winter als Koch. „Wenn es trüb und dunkel draußen ist, fühlt man sich in der Küche fast ein wenig eingesperrt“, sagt er. Da sei die Arbeit auf der „Jenny“ mit Blick aufs blaue Wasser und der frischen Luft schöner. Und manchmal bleiben Francesco an einem heißen Tag tatsächlich ein paar Minuten, dies alles zu genießen.

Quelle: op-online.de

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