Archiv der persönlichen Erinnerungen

„Es ist ein Arbeiten gegen die Zeit“

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Das Führen von Zeitzeugeninterviews ist eine Kernkompetenz des Büros für Erinnerungskultur. Christian Hahn (links) und Holger Köhn sollen diese zukünftig in einem Projekt des Heimat- und Geschichtsvereins Babenhausen einbringen.

Babenhausen - „Erinnerungen einer Stadt“ heißt das ambitionierte Projekt des Heimat- und Geschichtsvereins in Kooperation mit dem Büro für Erinnerungskultur, das in den Startlöchern steht. Von Petra Grimm

Ein Audio-Archiv mit Zeitzeugeninterviews soll entstehen, das der Nachwelt einen unmittelbaren Blick auf die Stadtgeschichte in vielen Facetten ermöglicht. Viele Menschen bereuen es, mit ihren verstorbenen Großeltern oder Eltern zu deren Lebzeiten nicht ausführlicher über bestimmte Ereignisse in der Vergangenheit oder die Familiengeschichte gesprochen zu haben. Denn individuelle Erinnerungen erlauben einen sehr speziellen Blick auf Vergangenes. Das lässt sich auch auf die Geschichte einer Stadt übertragen, wo es neben den offiziellen Überlieferungen zur Historie immer auch eine Alltagsgeschichte gibt, die sich vor allem im Gedächtnis der Menschen manifestiert. Diese persönlichen Erinnerungen der Babenhäuser sollen durch das geplante Langzeitprojekt gerettet und für kommende Generationen bewahrt werden. Im Stadtarchiv werden die Audio-Dateien zugänglich sein.

„Es soll ein Schatz geschaffen werden, der stetig wächst und auf den alle Interessierten, beispielsweise für Publikationen, Veranstaltungen oder Ausstellungen in Zukunft zugreifen können“, erklärt Dr. Holger Köhn (44). Der promovierte Historiker hat vor fünf Jahren gemeinsam mit dem Grafikdesigner und Journalisten Christian Hahn (42) in Frankfurt das Büro für Erinnerungskultur gegründet.

Zwei Jahre später zogen die beiden gebürtigen Babenhäuser mit ihrem Unternehmen, das Zeitgeschichte durch Ausstellungen, Gedenkstationen und Publikationen lebendig werden lässt, in ihre Heimatstadt. Hier haben sie gemeinsam mit Schülern und der Schulpfarrerin der Joachim-Schumann-Schule, Ruth Selzer-Breuninger, einen Flyer zur Verlegung der Stolpersteine vor ehemaligen jüdischen Wohnhäusern erstellt. Im vergangenen November arbeiteten Köhn und Hahn mit Ingo Friedrich und dem Heimat- und Geschichtsverein zusammen, um das Gedenkbandes am ehemaligen Standort der Synagoge zu verlegen.

„Erinnerungskultur ist für uns der Umgang und die Auseinandersetzung mit Vergangenheit“, sagt Hahn. Der Balanceakt, ein breites Publikum zu erreichen und gleichzeitig dem eigenen Anspruch an Wissenschaftlichkeit gerecht zu werden, ist kein leichter. Ein Schlüssel für ihren Erfolg, den Auftragsarbeiten für Städte, Firmen, Kirchengemeinden oder auch Verbände im Rhein-Main-Gebiet belegen, liegt im Alltagsbezug. Vergangene Ereignisse werden aus der Perspektive der Menschen, die sie erlebt haben, dargestellt. „Wir bilden große Geschichte im Kleinen ab“, erläutert Köhn, der bereits für seine 2012 veröffentlichte Doktorarbeit über die nach dem Zweiten Weltkrieg in der amerikanischen Besatzungszone – auch in Babenhausen – eingerichteten Lager für sogenannte „Displaced Persons“ Interviews mit älteren Babenhäusern führte. Einige von ihnen leben inzwischen nicht mehr. Das ist ein zentrales Problem bei der Befragung. „Wir arbeiten gegen die Zeit“, sagt Köhn. „Wer bei Kriegsende 1945 zwanzig Jahre alt war, ist mittlerweile über neunzig. Insbesondere für die Zeit des Nationalsozialismus und die direkte Nachkriegszeit sind nur noch wenige Zeitzeugen am Leben. Deren Erinnerungen zu dokumentieren und damit zu sichern ist ein Ziel der Interviews, die wir führen wollen“.

Da die menschliche Erinnerung im Abstand zu einem Ereignis oder am Lebensende nicht unbedingt besser wird, setzt das Projekt früher an. „In 20 Jahren sind die Menschen, die beispielsweise die Eingemeindung der Stadtteile in den 1970er Jahren miterlebt haben, sehr alt. Deshalb müssen wir sie jetzt befragen“, sagen die beiden Kreativen, die in den Gesprächen, die von einem professionellen Tontechniker aufgezeichnet werden, ganz verschiedene Themen ansprechen. Geplant sind unter anderem die Entwicklung des lokalen Gewerbes, die Kommunalpolitik oder auch das Vereinsleben und die Freizeitgestaltung in Babenhausen zu dokumentieren. Die ersten „Gastarbeiter“ im Ort haben ihre eigenen Erinnerungen, ebenso wie die Pfarrer oder die Lehrer.

Zur Finanzierung dieser einzigartigen Quellensammlung, die bislang in keiner Stadt vergleichbarer Größe vorhanden ist und eine Lücke im Stadtarchiv schließen würde, sucht der Heimat- und Geschichtsverein noch Sponsoren.

Quelle: op-online.de

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