Arbeitslos - aber kreativ in der Krise

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Auch der Rock der Hartz IV Band The Midlife SpecialS begeisterte das Vernissage-Publikum im Rathaus.

Babenhausen - Mit Pinsel und Farbe Lebenskrisen meistern? „Fast alle dachten, was sollen wir da tun, das ist ja wie im Kindergarten“, erinnert sich Florence Geiss. Von Ursula Friedrich

Intensives Malen und Zeichnen, das lag für viele Teilnehmer des Pilotprojektes „Mein Impuls - 50 Plus“ tatsächlich Jahrzehnte zurück. Dennoch zeigten sich die Langzeitarbeitslosen offen für das Kreativprojekt der Kreisagentur für Arbeit. Die Ergebnisse des Schöpfungsprozesses sind nun bis 7. Oktober im Rathaus Babenhausen ausgestellt.

Über 150 langzeitarbeitslose Frauen und Männer, die es aus unterschiedlichen Gründen schwer haben, einen Arbeitsplatz zu finden, haben die Ausstellungsobjekte in der kreativen Phase des Projektes geschaffen. Die Vernissage der ungewöhnlichen Bilderschau wurde vor großem Publikum gefeiert. Denn „Impuls“ steht für einen ungewöhnlichen Weg einer Behörde, die Krise „Arbeitslosigkeit“ in der Lebensmitte anzugehen. „Wir als Behörde, dazu Langzeitarbeitslose, gründen eine Band und werden künstlerisch tätig“, ließ Erste Kreisbeigeordnete Rosemarie Lück die Geschichte Revue passieren. Unterstützt durch die Finanzspritze des Bundes begann der Kreis das „Wagnis“ jenseits festgebackener Behördenmuster.

Bis 7. Oktober ist die Bilderschau im Rathaus zu sehen.

Hintergrund: Das Bundesprogramm „Perspektive 50 Plus“ wurde vor einigen Jahren ins Leben gerufen. Bis einschließlich 2015 fließen hierfür Fördergelder. Im Landkreis, der gemeinsam mit vier Nachbarkreisen im Beschäftigungspakt mit kreativen Ideen gegen Arbeitslosigkeit angeht, wurden die Mittel freudig genommen. Immerhin sind 2010 allein 1 700 Menschen über 50 arbeitslos. Mit Bundesmitteln beschritt der Kreis neue Wege. „Es geht nicht darum, noch ein Bewerbungstraining und noch eine weiterführende Qualifikation draufzupacken“, sagte Rosemarie Lück. Man habe den ganzheitlichen Ansatz, das Selbstvertrauen zu stärken und Kompetenzen zu fördern.

Wege aus Hoffnungslosigkeit

Unter kreativer Anleitung von Kunsttherapeutin Evi Borst ging es daran, Wege aus Hoffnungslosigkeit, Angst, zum Teil sogar Depressionen und sozialer Vereinsamung zu finden. Beim Malen entwickelte sich gar ein Selbstläufer. Eine Teilnehmerin stimmte bei einer ersten Präsentation mit den Kollegen ein paar Gospels an – dies war die Geburtsstunde der „Midlife Specials“. Die Langzeitarbeitslosen-Rock-Band wurde 2010 gegründet, hat inzwischen sieben Mitglieder, wöchentliche Poben und in den kommenden Wochen 15 Auftritte. „Wenn mir vor einem Jahr einer gesagt hätte, dass ich auf einer Bühne stehe und singe, hätte ich ihn für verrückt erklärt“, so Gründungsmitlied Florence Weiss. „Wir sind alle wach geworden“, schildet sie die „Welle“, die durch Malerei und Musik ausgelöst worden sei – inzwischen arbeitet sie als Ein-Euro-Jobber an einem Friedhofs-Verschönerungsprojekt.

„2010 war unser Ziel, 100 Menschen durch „Impuls“ zu aktivieren“, sagte Joerg Halama, Projektleiter bei der Kreisagentur für Arbeit. In diesem Jahr sollen es 300 sein. Immerhin wurden im Vorjahr 240 Menschen jenseits der 50 wieder in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt. Halamas Credo: Angesichts der demographischen Entwicklung mit einer allseits „älteren Gesellschaft“ müssten Unternehmen endlich umdenken und altersgerechte Arbeitsplätze anbieten.

Mit viel Einsatz arbeiteten die Teilnehmer des Impuls-Projektes mit. Beim Malen mit unterschiedlichen Materialien wurden neue Energien geschöpft, in gemeinsamen Erlebnissen Teamgeist geschult. Und: Einsichten gewonnen.

Oft bedienten sich die „Maler“ einfacher Bildsprache: Licht und Schatten des Lebens wurden eindringliche Botschaften an die Betrachter. „Wünsche, Hoffnungen, Erlebnisse, private Geschichten – ganz ohne Worte“, analysierte Bürgermeisterin Gabi Coutandin die Ausstellung an ihrem Arbeitsplatz. „Ich habe wieder mit dem Malen angefangen“, so Impuls-Teilnehmer Karl-Heinz Dehmer, der ein Hobby der Jugend für sich neu entdeckte.

Die Öffnung für das Angebot der Kreisagentur hatte auch therapeutische Effekte. „Als Langzeitarbeitsloser habe ich mich abgekapselt“, erinnert sich Karl-Heinz Dehmer, der eines seiner Werke bei der Vernissage sogar verkaufte. Dass es trotz Kreativität keine Rosinen regnet, weiss er allerdings. „Ich arbeite jetzt in einem Ein-Euro-Job auf einem Friedhof in Nieder-Modau.“ Dass es mit dem Sprung in den ersten Arbeitsmarkt noch einmal klappt, sieht er kritisch: „Nächste Jahr werde ich 60.“

Quelle: op-online.de

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