„Ich lebe und arbeite in Babenhausen“

Jobcenter-Projekt hilft Langzeitarbeitslosen

Versucht Langzeitarbeitslose wieder in Lohn und Brot zu bringen zu bringen: Filiz Yanc-Gülbey.
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Versucht Langzeitarbeitslose wieder in Lohn und Brot zu bringen zu bringen: Filiz Yanc-Gülbey.

Michael Frank (40, Name von der Redaktion geändert) war schon Vorarbeiter, ist Gabelstapler gefahren und hat als Qualitätsmanager gearbeitet. Ein bunter Mischmasch von Tätigkeiten, mal mehr, mal weniger anspruchsvoll – Frank war sich für nichts zu schade, wenn es in einer Branche gerade nicht mehr lief und seine Stelle gestrichen wurde. Jetzt ist er langzeitarbeitslos und kämpft gegen die Hoffnungslosigkeit und den Frust deswegen an.

Babenhausen – Filiz Yanc-Gülbey ist Leiterin des Regionalprojekts „Ich lebe und arbeite in Babenhausen“. Ihr Arbeitgeber ist das Kommunale Jobcenter in Kranichstein. Und das Ziel der 39-Jährigen lautet, Babenhäuser von Hartz IV zurück in Lohn und Brot zu bringen. Das zweite Mal ist sie mit diesem Projekt in Babenhausen, seit 2017 macht sie den Job. Immer donnerstags ist sie im Rathaus. Zehn Leute sind aktuell in ihrer Gruppe. Frank ist einer davon.

„Als sie mich vor gut eineinhalb Monaten angerufen und eingeladen hat, war ich skeptisch, ob das was bringt“, gibt Frank zu. Inzwischen sei das donnerstägliche Gruppentreffen sein Kraftfeld, bei dem er nach Rückschlägen in der Woche Mut tankt und etwas aufgebauter nach Hause zu Frau und Kind geht. Zwei Jobangebote habe ihm Yanc-Gülbey schon vorgestellt, die Zeit davor mit Hartz IV bekam er kein einziges.

Mit vier Kollegen ist Yanc-Gülbey für die 23 Kommunen im Landkreis zuständig. Im Juli, als Erste in der Corona-Zeit, hat sie es in Babenhausen wieder gestartet, und das erste Mal finden nicht nur die Gruppentreffen, sondern auch die Einzelgespräche außerhalb von Kranichstein statt. Der Vorteil: weniger Amtsatmosphäre. Ein weiteres Plus für sie sei die Corona-bedingt kleinere Gruppe. So könne sie sich intensiver um jeden kümmern.

„Wir finden in dem Projekt unsere Stärken wieder“, sagt Frank, der durch eine eineinhalbjährige Krankheit den Job im Qualitätsmanagement verlor. Als dann auch noch Corona begann, habe er nicht mehr auf Besserung gehofft. „Selbstbewusst, ich?“ Zunächst konnte er gar nicht glauben, dass die anderen in der Gruppe genau das als eine seiner Stärken empfinden. Er ging in sich, redete mit Frau und Bruder – erst im Anschluss stimmte er zu. Ja, im Grunde sei er selbstbewusst, nicht umsonst habe er als Vorarbeiter 30 Leute geleitet.

„Viele gucken nur auf ihre Schwächen. Und das, was sie können, halten sie für selbstverständlich“, spricht Yanc-Gülbey ein häufiges Problem an. Die Diplom-Kauffrau nutzt ihre eigene unterschiedliche Berufserfahrung von Beratung bis Marketing, um die Gruppe individuell zu unterstützen. Unkompliziert und hilfsbereit fährt sie schon mal jemanden zum Bewerbungsgespräch, wenn gerade dessen Auto fehlt. Oder lud am Anfang, als es auch im Rathaus corona-bedingt eng wurde, zu Einzelterminen auf Feldspaziergängen ein, zu sogenannten „Walk & Talks“. Sie ist freundlich und wertschätzend, aber dennoch direkt und bestimmt – auf Augenhöhe und gleichzeitig die Richtung weisend.

Das gibt Halt und Sicherheit. Frank berichtet von einer studierten Teilnehmerin, die in Panik geriet, sobald sie vor Zuhörern reden sollte. „Es bessert sich allmählich“ erzählt er. Letztens hatten sie als Aufgabe, zwei wahre und eine fiktive Geschichte vorzutragen. Die anderen mussten rausfinden, welche was war. „Da hat sie schon richtig gut gekontert, und das habe ich ihr hinterher gesagt,“ meint er. Positives Feedback vermitteln, motivierend sein: Noch eine Stärke, die seine Gruppe bei ihm sieht und die er auch ohne Zögern akzeptieren konnte. Schließlich musste er jahrelang Zeitarbeiter bei Laune halten, besonders wenn sie mehr tun sollten, als vorher abgemacht.

Gegenseitige Hilfe unter den Kursteilnehmern: Ein weiteres Ziel von Yanc-Gülbey. Auch was das Finden von Jobs betrifft. „Sie leben ja hier und bekommen mit, wenn beim Bäcker passende Stellengesuche für einen der anderen hängen“, erklärt sie. Gut vernetzt zu sein, bringe immer Vorteile. Ebenso stets bei ihr nachzufragen und nachzuhaken. Kennt sie sich mal nicht bei einem Thema aus, holt sie einen Spezialisten vor Ort. Fünf mit ihr gestartete Babenhäuser haben bereits Arbeit gefunden, neue sind nachgerückt. Über 50 Prozent Vermittlungserfolg haben die Regionalprojekte üblicherweise – und das sogar nachhaltig. Denn selbst, wenn jemand vermittelt ist, bleiben die Projektleiter dran und erkundigen sich nach einem Jahr.

Bei Frank hat es mit seinen zwei Versuchen noch nicht geklappt. Der gelernte Maler und Lackierer bekam Absagen fürs Qualitätsmanagement, weil er zuletzt nur Staplerfahrer war. Das habe ihn getroffen, sagt er. Schwierig, sich so selbst etwas zuzutrauen, aber gut, eine Gruppe zu haben, die einen aufbaut. Er gibt nicht auf. Sein Traum ist die Automobilbranche. Für Continental hat er über eine externe Firme schon gearbeitet, viel war er im Ausland unterwegs. Yanc-Gülbey wird eine nächste Bewerbung von ihm weiterleiten. Bis Mitte April läuft das Projekt noch. Mit Option auf Verlängerung.

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