Holger Köhn und Christian Hahn im Interview

„Aus dieser Zeit Lehren ziehen“

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Holger Köhn (links) und Christian Hahn vom Büro für Erinnerungskultur.

Babenhausen - Vor fünf Jahren haben der promovierte Historiker Holger Köhn und der Grafikdesigner und Journalist Christian Hahn das Büro für Erinnerungskultur gegründet. Von Norman Körtge

In ihrem Domizil in der Heinrichstraße 2 in Babenhausen konzipieren sie Ausstellungen, Gedenkstationen und Veröffentlichungen. Sie haben unter anderem das vor einem Jahr in der Amtsgasse verlegte Gedenkband entworfen. Im Interview sprechen sie auch über ihr neues Zeitzeugenprojekt.

Heute vor einem Jahr ist vor der ehemaligen Synagoge in der Amtsgasse 16 ein zwei Meter langes Bronze-Gedenkband in den Boden eingelassen und feierlich enthüllt worden. Es soll an das Plündern und das Zerstören des Bethauses in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 erinnern. Wissen Sie aus Beobachtungen oder Berichten, wie und ob Passanten dieses Gedenkband wahrnehmen?

Christian Hahn: Ja, das wird sehr wohl wahrgenommen. Nicht jedes Mal und von jeder Person, die dort vorbei kommt, aber Erinnerungskultur ist immer auch ein Angebot. Wenn an dieser Stelle kein Band liegen würde, dann wäre von der Synagoge im öffentlichen Raum nur das übrig, was man vielleicht erzählt bekommt – oder auch nicht.

Werden mit solch einem Gedenkband, oder den verlegten Stolpersteinen in der Altstadt sowie in Sickenhofen und Langstadt, auch Jugendliche und jüngere Menschen erreicht? Wie ist ihre Erfahrung?

Christian Hahn: Die Menschen, die von Stolpersteinen mit ihrem eigenen Tun in der NS-Zeit konfrontiert werden, gibt es kaum noch. Deshalb werden Menschen durch die Steine heute eher erinnert oder informiert. Und das funktioniert bei jungen Leuten sehr gut. Die interessieren sich nämlich sehr wohl für das, was früher war.

Wie kann man heutzutage Menschen bewusst machen, dass vor wenigen Jahrzehnten Menschen in Deutschland aufgrund ihres Glaubens öffentlich schikaniert, gedemütigt, verfolgt und getötet wurden?

Dr. Holger Köhn: In dem man es benennt. Und auch klar sagt, dass so etwas in der eigenen Stadt, im eigenen Ort passiert ist, und nicht nur einfach irgendwo. Die Opfer waren Nachbarn von jemandem, Mitschüler und Arbeitskollegen.

Immer wieder hört man, dass es doch nun mal genug sein muss mit dem Erinnern und Mahnen. Was entgegnen Sie?

Dr. Holger Köhn: Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung! Im Jahr 2017 leben kaum noch Menschen, die persönlich in den Nationalsozialismus involviert waren. Aber es ist die Verantwortung aller, aus dieser Zeit Lehren zu ziehen. Und dafür muss man wissen, was damals passiert ist.

Hat sich Erinnerungskultur in den vergangenen Jahren, auch durch die sozialen Medien verändert?

Christian Hahn: Die Möglichkeiten, mit anderen in Verbindung zu treten, sind vielfältiger geworden. Das ist ein Aspekt, der für die Dokumentation und die Vermittlung von Vergangenem natürlich eine große Rolle spielt. Aber im Kern ist eines gleich geblieben: Menschen wollen wissen, was früher war, um das Heute zu verstehen. Erinnerungskultur ist der Umgang und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, und das interessiert viele Menschen.

Sie wollen zusammen mit dem Heimat- und Geschichtsverein ein Audio-Archiv mit Zeitzeugen aufbauen. Wie weit ist dieses Projekt mittlerweile gediehen?

Dr. Holger Köhn: Am 24. November fällt bei einer Veranstaltung in der Stadtmühle der Startschuss. Die Finanzierung steht dank der Jubiläumsstiftung der Sparkasse und der Stiftung Flughafen Frankfurt. Wir sammeln und sichern über mehrere Jahre Zeitzeugeninterviews mit Menschen aus Babenhausen und den Ortsteilen.

Christian Hahn: Da entsteht eine Quellensammlung, auf die Interessierte in Zukunft im Stadtarchiv zugreifen können – für Publikationen, Schulklassen oder Ausstellungen. Das wird ein ständig wachsender Schatz. Wir freuen uns auf die ersten Interviews. Ein vergleichbares Projekt gibt es für Städte der Größe Babenhausens bisher nicht.

Ein spannendes Kapitel Babenhäuser Geschichte endet mit der nun beginnenden Konversion des Kasernengeländes. Wenn Sie freie Hand hätten, wie würden Sie die Erinnerung an diese Historie wach/lebendig halten?

Christian Hahn: Es wäre schön, die unterschiedlichen Erinnerungen und Sichtweisen der Menschen in Babenhausen an den Ort und die unterschiedlichen Belegungen zu sichern. Gerade die Amerikaner haben über lange Zeit das Leben in Babenhausen geprägt und unterschiedliche Spuren hinterlassen. Auch bei unserem Zeitzeugenprojekt werden die Erinnerungen daran mitabgefragt.

Ergänzen Sie den Satz: Erinnern ist wichtig, weil....

Dr. Holger Köhn: …man das Heute nicht ohne das Gestern verstehen kann.

Quelle: op-online.de

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