Täglich am Weißen Haus vorbei

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Sven Walther hat sich in Washington gut eingelebt, dennoch möchte er nicht für immer bleiben. Mittel- oder langfristig will er zurück ins Idyllische Harreshausen.

Harreshausen - Von Harreshausen nach Amerika? Dieser Weg klingt – sofern es keine Urlaubsreise ist - fast ein bisschen zu kurios, um wahr zu sein. Von Michael Just

Und dennoch hat ihn Sven Walther beschritten und sich vom zweitkleinsten Babenhäuser Stadtteil, der sich lieber als idyllisches Dorf sieht, nach Washington D. C. und damit in die Hauptstadt der USA aufgemacht.

Der 30-Jährige ist kein Auswanderer im klassischen Sinne. In seinem Fall war es die Liebe, die ihn dazu bewegte. „Wir haben uns im Internet in einem Michael-Jackson-Forum kennengelernt. Wir sind nämlich beide Fans des ‘King of Pop’“, erzählt Walther über seine gleichaltrige Tanika. Das war 2002. Zwei Jahre später standen sie sich dann das erste Mal gegenüber; im Herbst 2010 wurde in Amerika geheiratet. Kurz zuvor war der Harreshäuser nach Washington gezogen.

Schwiegertochter ins Herz geschlossen

„Wir hätten nie gedacht, dass er das wirklich macht. Die ältere Generation im Ort wollte sogar, dass wir ihm das ausreden“, erzählt Mutter Gudrun. Die Schwiegertochter hat sie zwar ins Herz geschlossen, ihren Sohn ließ sie aber trotzdem ungern ziehen. Durch dessen Englisch-Kenntnisse war es für ihn aber leichter in den USA zu wohnen, als für Tanika in Deutschland. Über Weihnachten und Silvester konnte die Mutter Walthers ihn zumindest bei einem Kurzbesuch in die Arme schließen. In diesem Jahr wollen die Eltern selbst zum ersten Mal über den großen Teich.

Mittlerweile hat sich Walther, der Abitur hat, kurz Betriebswirtschaftslehre studierte und dann Großhandelskaufmann lernte, in Washington eingelebt und über seine Green-Card einen Job in der EDV-Verarbeitung eines Warenlagers gefunden. Fährt das Paar von seiner Wohnung mit der Linie 32 in die Stadt, geht’s jedes Mal am Weißen Haus vorbei. Den Präsidenten hat der Harreshäuser allerdings noch nicht gesehen. Wegen ihn sei er aber mal in einer halbstündigen Straßenkomplettsperrung mit reichlich Secret Service und Polizei eingesperrt gewesen, erzählt er.

Für neue Heimat gibt es Lob und Kritik

Dass Walther einmal in Amerika wohnen würde, hätte er früher nie gedacht. Für seine neue Heimat gibt es Lob und Kritik gleichermaßen. Vieles sei XXL, wie die unbeschreibliche Weite: „Kommt man aus der Stadt raus, ist erstmal nix. Zwei Stunden Autofahrt gelten hier als nah.“ Museen hätten als Bildungseinrichtung freien Eintritt. Andererseits sei da aber die Armut, die ihm abseits der Hauptstadt nicht nur am Bahnhof von Baltimore immer wieder vor Augen geführt wird. Viele hätten nicht genug zu essen. Apropos Essen: „Man isst hier automatisch mehr Fastfood“, sagt der 30-Jährige. Die Kollegen täten das bis zu viermal die Woche. Die Lebensmittelpreise seien sehr hoch, Frisches oft Mangelware. Ein Apfel zum Beispiel kostet über einen Dollar. Deswegen kocht das deutsch-amerikanische Paar viel selbst.

Und was denken die Amis über Deutschland? Auch hier liegen höchst unterschiedliche Erfahrungen vor. „Die einen halten uns wegen der Weltkriege für das Böse der Natur, andere können sich unter der Alten Welt nur wenig vorstellen und glauben wir leben in Holzhütten“, erzählt er. Er wisse aber auch von Soldaten, die in Deutschland waren und dort vieles für besser hielten – und das nicht nur bei der Infrastruktur mit unterirdischen Stromleitungen. „Die USA hinken derzeit ihrem eigenen Anspruch hinterher“, konstatiert der Auswanderer. So würden die einstigen Mondfahrer mehr ihren Status Quo verwalten, als zu neuen Ufern aufzubrechen. Und die vielen chinesischen Waren wie auch die Dollarreserven im Reich der Mitte zeigten, dass die erste Geige nicht mehr in Amerika gespielt werde.

Für immer bleiben will Sven Walther jedoch nicht

Trotz gelegentlichen Heimwehs hat sich Walther in Washington eingelebt und genießt die Metropole, in deren Zentrum es sich so wunderbar nur mit dem öffentlichen Nahverkehr auskommen lässt. Für immer bleiben will er jedoch nicht: Das liegt nicht am Wandel Amerikas, sondern vielmehr an der Liebe zu Harreshausen, dessen ruhige und idyllische Züge für Walther den besten Ort der Welt zum Leben darstellen.

Mittel- bis langfristig will er das Angebot seiner Mutter wahrnehmen, dass er jederzeit zurückkehren kann. „Ich muss meiner Frau noch ein bisschen deutsch beibringen, dann machen wir das auf alle Fälle“, kündigt der junge Mann an.

Quelle: op-online.de

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