Das Kreuz mit dem Ehrenamt

Babenhäuser Kirchen-Kabarett-Festival lockt in Stadthalle

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Gelungene Premiere in Babenhausen: Martin Schultheiß und Fabian Vogt vom „Duo Camillo“.

Babenhausen - Sarkasmus und Witze über die Kirche sind ein sensibles Thema. Beim neunten Babenhäuser Kirchen-Kabarett-Festival setzten sich die Akteure bewusst darüber hinweg. Von Michael Just 

An drei Tagen durfte befreit über Pfarrer, Kirchen- vorstände und Glaubensgrundsätze gelacht werden. Das „Duo Camillo“ behauptete am Sonntagabend in der Stadthalle, dass wegen immer weniger Mitarbeitern auch in der Kirche das Ehrenamt immer mehr zum Kreuz werde. „Wenn vom Priestertum aller Gläubigen gesprochen wird, heißt das mittlerweile, dass die Ehrenamtlichen für alles herhalten müssen“, konstatierte Fabian Vogt. Mittlerweile seien die ein Fall für Amnesty International. In der Folge grassiere die „Ehrenamtsdemenz“. „Wie bin ich da überhaupt reingekommen?“, würden sich die verbliebenen Helfer fragen.

Fabian Vogt und Martin Schultheiß stellten ihr Programm unter den Titel „Luther bei die Fische“. Gekonnt schlugen sie dabei den Bogen von der Kirche ins profane Leben. Da wurde ein zu dick aufgetragenes Make-up vieler Frauen als Kritik am Schöpfer gesehen. Unverständnis erhielten die, die die biblische Figur des Pilatus mit einem Muskeltraining gleichsetzen. Bei ihrem einstündigen Auftritt zündete das „Duo Camillo“ ein energiegeladenes Feuerwerk aus mitreißender Musik und kurzweiligen Vorträgen. Immer wieder schien Vogt an ein Stromkabel mit hoher Voltzahl angeschlossen. Das Publikum hatte seinen Spaß: Neben der andauernden Malträtierung des Zwerchfells klatschte es bei den rasanten Musikeinlagen mit.

Extraklasse: Antonia Jacob überzeugte mit persiflierenden und humorvollen Texten an der Gitarre.

Mit der jüngsten Auflage ging das Babenhäuser Kirchen-Kabarett-Festival bereits in die neunte Runde. Fast ungläubig blickt der sechsköpfige Kabarett-Ausschuss der evangelischen Kirchengemeinde Babenhausen auf die bald 20 Jahre zurück, in der die Veranstaltung im zweijährigen Rhythmus stattfindet. Diesmal traten am Freitag als Zugpferde Bodo Bach und Johannes Scherer an. Mit 450 Besuchern bescherten sie aufgrund ihrer Bekanntheit den Veranstaltern eine ausverkaufte Stadthalle und ein Publikum, das immer wieder Tränen lachte. Der Samstag wies mit 140 Besuchern eine befriedigende Resonanz auf. Der Sonntag war mit 240 Köpfen gut besucht. Clajo Herrmann, der auch die Schirmherrschaft übernommen hatte, stand an allen drei Abenden auf der Bühne, das,,Duo Camillo“ nur am Sonntag. Ute Niedermeyer und Antonia Jacob, die beiden Protagonistinnen von „EKHN“ (steht für Evangelisches Kirchenkabarett Heiterkeit und Niedertracht), traten Samstag und Sonntag auf. Fans des Festivals bemerkten schnell, dass Hans-Joachim Greifenstein, sonst kongenialer Partner von Clajo Herrmann beim Ersten Allgemeinen Babenhäuser Pfarrer-Kabarett, zum ersten Mal nicht dabei war. „Das hat zeitlich nicht hingehauen, da er ja noch als Pfarrer tätig ist. Wir haben sein Versprechen, dass er beim zehnten Mal wieder dabei ist“, so Winfried Döring vom Orga-Team.

Döring zog am Sonntagabend eine durchweg positive Bilanz: Alle Akteure hätten die Erwartungen erfüllt. Durch die über ein Dutzend Sponsoren sei das Festival auch finanziell im grünen Bereich und es werde wieder eine Spende für die evangelische Gemeindearbeit geben. Während Bodo Bach, Johannes Scherer und Clajo Herrmann als Vollprofis fast schon automatisch einen erfolgreichen Auftritt garantieren, lag das Augenmerk im Besonderen auf „EKHN“ und dem „Duo Camillo“, die in Babenhausen jeweils Premiere feierten.

Bilder: Babenhausen und Stadtteile

Das „Duo Camillo“ aus Oberursel „rockte“, wie man heute sprichwörtlich sagt, die Stadthalle. „EKHN“ kam nach ein paar Anlaufschwierigkeiten, zu denen Texthänger gehörten, immer mehr in Schwung. Eine Extraklasse waren die pointierten Beiträge von Antonia Jacob, die sie an der Gitarre musikalisch untermalte. Beim Blick auf die gewohnt männliche Darstellung von Gott appellierte sie daran, auch mal an die Frau zu denken. „Warum kann der verlorene Sohn nicht mal ein verlorenes Töchterlein sein?“, fragte sie. Ganz durchsetzen wird sich weibliche Variante von Gott oder Jesus wohl nicht. Im Gegenteil: „Ich befürchte massive Klagen, wenn man statt Jesus Christus auch mal Jesus Christiane sagt“, meinte Jakob. Kollegin Niedermeyer bot Martin Luther für die heutige Zeit einen Imagewandel an. Die 95 Thesen müssten auf eine überschaubare Zahl reduziert und die Intentionen in Talk-Shows vertreten werden. Auch seine Kilos müssten runter.

Niedermeyer vereinte in ihren Beiträgen nicht nur Humorvolles, sondern, wie es sich für Kabarett gehört, auch Nachdenkliches. In einem Beitrag führte sie dem Publikum auf beklemmende Weise die degenerierte Wohlstandsgesellschaft vor Augen. Während andernorts Kinder verhungern, sei unsere Sorge, nicht im Auto mit dem Handy erwischt zu werden. „Wir haben die Macht und die Herrlichkeit“, formulierte sie das „Vater unser“ um. Ein schlechtes Gewissen bedürfte es aber nicht: Schließlich eröffne sich mit einer Spende an Unicef ein ebenso leichter wie problemloser Ablasshandel.

Bilder: Dritte Nacht der Lichter in Babenhausen

Quelle: op-online.de

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