Babenhäuser Literatursalon

Meinungsvielfalt macht´s interessant

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Alle vier Wochen treffen sich literarisch interessierte Frauen im Nebenraum des Hotels Residenz, um sich über Bücher auszutauschen. Wer noch dabei sein will, ist willkommen.

Babenhausen - Der Babenhäuser Literatursalon wird immer beliebter. Ausgewählt werden Bücher, durch die man sich nicht quälen muss. Von Petra Grimm 

„Also ich fand die Geschichte verstörend“, sagt eine Frau. Eine andere kann nicht nachvollziehen, wie man sein eigenes Kind im Stich lassen kann: „Das ist für mich undenkbar.“ „Aber man muss doch auch die Lebenssituation der Mutter, ihre Überlastung und gesellschaftliche Ächtung sehen“, wirft eine dritte ein. Diskussionsstoff bietet das Buch offensichtlich reichlich. Der Literatursalon des Babenhäuser Frauenforums traf sich, um über den preisgekrönten Roman „Die Mittagsfrau“ von Julia Franck zu debattieren. Über ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte geht der Roman, der in ungewohnter Weise an der Hauptfigur das Rabenmuttermotiv gestaltet und Erklärungen dafür liefert. Nur wenige in der Runde schien das Buch kalt zu lassen. Fragen nach der weiblichen Identität und der Rolle der Frau in der Gesellschaft stehen im Mittelpunkt dieses Semesters, das im Frühjahr begann und kurz vor den Sommerferien enden wird.

Seit 2012 besteht der Literatursalon, den Gertraude Schwarzbauer, Ute Wittenberger und Heike Fuhrmann innerhalb des Frauenforums ins Leben gerufen haben. Und er erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Alle vier Wochen, jeden ersten Montag im Monat um 19 Uhr, treffen sich zwölf literarisch interessierte Frauen in einem Nebenraum des Hotel Residenz, um zwei Stunden lang über ein zuvor von allen gelesenes Buch zu sprechen. Zum Organisationsteam, das die Lektüre für die ganze Gruppe auswählt und bei den gemeinsamen Treffen dann vorstellt, gehören inzwischen noch Claudia Winterling und Vera Häfele.

Pro Semester, das immer etwa ein halbes Jahr dauert, werden unter einem bestimmten Motto jeweils fünf Bücher ausgesucht. „Sowohl klassische als auch moderne Literatur ist dabei. Nicht nur deutsche“, sagt die Germanistin Ute Wittenberger, erfreut, dass es oft sehr kontroverse Debatten gibt, vor allem bei modernen Texten.

Aktuelles Thema ist die weibliche Identität

„Wir lesen und besprechen Literatur mit Niveau, bemühen uns aber auch, gut lesbare Bücher, durch die man sich nicht quälen muss, auszuwählen. All´ diese Bücher haben mittel- oder unmittelbar mit dem Leben der Frauen zu tun und gewinnen in unserem Kreis an Aktualität“, sagt Ute Wittenberger. So war das erste Motto des Literatursalons nach seiner Gründung „Liebe Liebe“ und hatte weltberühmte Liebesromane zu Thema. „Die Diskussionen rankten sich um den Stellenwert von Liebe im Leben von Frauen. Wir haben beispielsweise Lady Chatterley von D.H. Lawrence oder Benoite Groults ,Salz auf unserer Haut" gelesen“, sagt Ute Wittenberger. Im folgenden Halbjahr wurden Romane zum Thema Dreiecks- und Viererbeziehungen ausgewählt, wobei Goethe mit seinem Klassiker „Wahlverwandtschaften“ den Anfang machte. Danach lasen die Frauen weibliche Biografien, darunter beispielsweise Simone de Beauvoirs „Memoiren einer Tochter aus gutem Hause“ und das Tagebuch der Anais Nin. Weiter ging es mit dem Thema „Wahnsinns-Frauen“, bei dem es um gesellschaftliche Außenseiterinnen, wie die Bildhauerin Camille Claudel, die Schauspielerin Marylin Monroe die Publizistin Dorothy Parker ging.

Beim aktuellen Thema „Weibliche Identität“ stehen zum Semesterabschluss jetzt noch die Kurzgeschichten der Nobelpreis-Trägerin Alice Munroe in dem Buch „Tricks“ auf dem Programm.

Nach der Sommerpause wird ein neuer Kurs starten. „Wir sind offen für Neuzugänge und freuen uns über jede Frau, die mitmachen möchte. Lektüre und Diskussionen helfen, den Geist offen zu halten“, so Ute Wittenberger. Für Heike Fuhrmann vom Organisationsteam sind es auch die Teilnehmerinnen selbst, die den Reiz des Literatursalons ausmachen: „Die Vielfalt der Meinungen und die Lebenserfahrungen und Erlebnisse der Frauen, die in die Gespräche über die Bücher einfließen. Das ist für mich einfach interessant.“

Die deutschen Literatur-Nobelpreisträger

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Quelle: op-online.de

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