Vor dem Vergessen bewahren

Auftakt zum Projekt „Erinnerung einer Stadt“

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Dank Sponsoring kann das Zeitzeugenprojekt gelingen: Georg Wittenberger, flankiert von den Stiftungsvertretern Jutta Nothacker und Manfred Neßler.

Babenhausen - „Erinnerung einer Stadt“ lautet der Arbeitstitel eines bundesweit einzigartigen Projekts. Durch Interviews mit Babenhäuser Persönlichkeiten soll ein Zeitzeugen-Archiv entstehen, eine Quellensammlung persönlicher Geschichten im größeren lokalen Kontext. Zur Auftaktveranstaltung in der Babenhäuser Stadtmühle waren die Stuhlreihen bis auf den letzten Platz besetzt.

Geschichte und Geschichtchen entdecken. Vor dem Vergessen bewahren und, so die wissenschaftliche Herangehensweise, in einem Archiv kartieren. Diese Idee steckt hinter der Initiative, die der Heimat- und Geschichtsverein Babenhausen (HGV) nun gemeinsam mit dem Büro für Erinnerungskultur anpackt hat. Zunächst über einen Zeitraum von drei Jahren.

„Es sollen nicht alte Leute ihr Leben schildern“, erklärte der Babenhäuser Dr. Holger Köhn am Freitag Abend bei der Auftaktveranstaltung. Gemeinsam mit Christian Hahn ist der Historiker Protagonist des Büros für Erinnerungskultur. Es gehe darum, durch persönliche Geschichte Babenhäuser Themen vor dem Vergessen zu bewahren, so Köhn, der auch Beispiele benannte: die Zeit der amerikanischen Garnison, die Gebietsreform, die Ankunft der ersten Gastarbeiter oder die Rolle der Frau im 20. Jahrhundert.

An eingespielten Interviewsequenzen wurde die Idee für das Publikum greifbarer. „Der Erich hätte mich auf der Arbeit ablösen sollen!“, schilderte der Sickenhöfer Willi Spiehl (Jahrgang 1924) sein Erlebnis anno 1942. Der Freund und Arbeitskollege Erich Frank erschien nicht: „Zu Hause hat mir der Vater gesagt: Heute haben sie die Juden abgeholt.“

Von der Rolle der Frauen in der Kommunalpolitik berichtete Ruth Steinmeier (geboren 1933), die als erste Stadtverordnetenvorsteherin nicht nur in Babenhausen, sondern hessenweit ein Exot war: „Es war eine Männerdomäne, aber ich bin gut klar gekommen. Besonders wichtig war es mir aber auch, mit den Frauen der Stadtverordneten klar zu kommen“, erzählte die kürzlich verstorbene Babenhäuserin im Interview. Die Erzählungen aus seiner Zeit als junger Polizist, beleuchten jene Ära, als Babenhausens Schloss als Gendarmerie diente. Theo Fuß (Jahrgang 1919) konnte dank einer Heirat hier sogar eine kleine Dienstwohnung beziehen. „In persönlichen Biografien wird Ortsgeschichte eingeflochten“, resümierte Christian Hahn.

Auf großes Interesse stößt das Babenhäuser Zeitzeugenprojekt, das in der dicht gefüllten Stadtmühle vorgestellt wurde.

30 Babenhäuser Persönlichkeiten, Bürger, die als Politiker, Bürgermeister, Heimatforscher, Pfarrer, Vereinsvorsitzende oder in anderer Hinsicht tägig waren, stehen derzeit als Interviewpartner auf der Liste. „Wir hoffen, dass die Liste nach oben abnimmt und nach unten wächst“, so Hahn. Die Interviews werden auf Tonträgern aufgezeichnet und zusätzlich niedergeschrieben. Zum Projektteam gehört der HGV-Vorsitzende Georg Wittenberger, der als Moderator durch den Abend führte. Ein Programm, das auch durch musikalische Beiträge der zauberhaften Lisa Gebhardt (Gesang) und Axel Heintzenberg (Gitarre/Gesang) sowie dem Gastauftritt Hans-Joachim Greifensteins sehr kurzweilig war. „Ich bin auch schon ein alter Sack“, polterte der Pfarrer und Kabarettist Greifenstein von der Bühne, der von 1986 bis 2006 Pfarrer in Babenhausen lebte und ebenfalls wertvolle Anekdoten schilderte. Als er humorvoll vom Wirken des „LPW“ (Lang Parrer Walter) berichtete blieb kein Auge trocken: „Der hat e Dreiviertelstund‘ gepredigt, bis auch der größte Optimist deprimiert aus der Kersch ging...“

„Das Projekt ist Gold“, mit dem Interview des Pädagogen der Bachgauschule, Michael Gremler, und der Archivarin der TU Darmstadt, Anne Holtmann, wurde es wieder seriös. Schon liebäugelt der Geschichtslehrer mit der kostbaren Quelle Zeitzeugenarchiv. Sie soll ergänzend zum Stadtarchiv und dem Material des Territorialmuseums für unterschiedliche Anlässe genutzt werden, kann als Unterrichtsmaterial für Schulen, für wissenschaftliche Forschungen und Bildungsarbeit im Allgemeinen dienen. „Ein großartiger Moment“, resümierte Bürgermeister Joachim Knoke: „Wir ändern das Paradigma des Bewahrens von Geschichte.“

Ermöglicht wird das Projekt durch die Zuwendung zweier Sponsoren. Mit rund 15.000 Euro aus der Hessischen Stiftung Flughafen Frankfurt/Main für die Region und einer Spende der Sparkassenstiftung über 5000 Euro ist die Finanzierung möglich. Zum Ablauf der ersten, dreijährigen Projektphase sollen die Ergebnisse in einer Sonderausstellung präsentiert werden.

Nacht der Lichter in Babenhausen: Bilder

Georg Wittenberger ist ein „Eingeplackter“ (Zugezogenener), eigentlich in Böhmen geboren. In seiner Heimat Babenhausen engagiert sich der Journalist und Autor, der etliche Ehrenämter ausfüllt, unter anderem als Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins, ehrenamtlicher Stadtführer, in beispielloser Weise für die Lokalhistorie. Seit rund zehn Jahren ist er Stadtarchivar. Mit der Eröffnung des Territorialmuseums im März 2014 ging für ihr ein lang gehegter Traum in Erfüllung. Die Geschichtsforschung und wissenschaftliche Würdigung lokaler Historie wird mit dem Zeitzeugenprojekt fortgesetzt.

Willi Spiehl (*1924) ist gebürtiger Sickenhöfer und einer der ersten Teilnehmer des Zeitzeugenprojekts. Seine Erzählungen aus den 40er Jahren lieferten auch Informationen zur Ortsgeschichte im Nationalsozialismus, wie die Deportation der jüdischen Bevölkerung 1942. Spiehl hat gern am Zeitzeugenprojekt mitgewirkt, Schrecken, wie der Verlust des jüdischen Kollegens, brannten sich ein: „Was früher war vergisst man nicht“, erklärt der Senior. (zah)

Quelle: op-online.de

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