Betrugsfall

Von den Millionen verführt

Dieburg/Babenhausen - Kranke Tochter, Schulden, Hypothek aufs Haus – die Buchhalterin will sich helfen und bucht Rechnungen doppelt. Sie bereichert sich um fast 400 000 Euro. Die Strafe: drei Jahre auf Bewährung. Von Katharina Hempel

Mit der linken Hand umklammert sie ihre Handtasche. Mit der rechten drückt sie eine Aktenmappe vor ihre Brust als wolle sie sich schützen. Helene F. (Name von der Redaktion geändert) setzt zögerlich ihre Schritte in den Verhandlungssaal des Amtsgerichts Dieburg.

Dort verhandelte Richter Gerhard Oefner am vergangenen Dienstag den Fall der 66-jährigen Babenhäuserin. Als Buchhalterin einer Erbengemeinschaft soll sie in den Jahren 2006 bis 2010 Geld abgezweigt und auf ihr eigenes Konto überwiesen haben. Zwischen 350 .000 und 400. 000 Euro. Die Anklage lautet: Betrug in 171, Urkundenfälschung in 35 Fällen.

Staatsanwalt Franz Knorz verliest seine Anklageschrift. Fast eine Stunde braucht er dafür. Er zählt jedes einzelne Mal auf, an dem die heutige Rentnerin das Gesetz gebrochen hat. Fallnummer, Datum, Kontonummer, Geldbetrag. Helene F. hört zu, die Arme hat sie verschränkt und vor sich auf den Tisch gestützt.

Gelegenheit, sich zu äußern

Fall 57. Sie stützt ihren Kopf auf ihre Faust. Wangen und Nase sind gerötet. Fall 100. Der Staatsanwalt redet mittlerweile schneller und nuschelt ein bisschen. Fall 126. Helene F. lehnt sich in ihrem Stuhl zurück, legt ihre Hände in den Schoß. Fall 168. Die Stimme von Staatsanwalt Frank Knorz wird langsam schwächer.

Nach einer kurzen Verhandlungsunterbrechung hat Helene F. Gelegenheit, sich zu den Vorwürfen zu äußern. „Die Punkte der Anklage gebe ich alle zu. Ich bedaure sehr, was ich getan habe. Ich war in finanziellen Schwierigkeiten und dachte, es würde keinem auffallen“, erklärt die 66-Jährige mit ruhiger Stimme.

Seit 1983 prüfte Helene F. die Bilanzen der Erbengemeinschaft. Ihre Arbeitgeber vertrauten ihr, Kontrolle gab es keine. 2005 kam die Buchhalterin in finanzielle Schwierigkeiten. Dass auf den Konten, die sie betreute, Beträge in Millionenhöhe flossen, führte sie in Versuchung.

Sie ließ Rechnungen doppelt unterschreiben. Weil die erste Überweisung aufs eigene Konto geklappt und keiner was gemerkt hat, machte sie weiter.

Tochter ist vier Jahre lang arbeitslos

Der Richter will wissen, für was sie das Geld verwendete, das mal 70 Euro waren, mal 10. 000. Helene F. antwortet. Dabei unterdrückt sie ein Schluchzen: „Meine Tochter ist vier Jahre lang arbeitslos gewesen und sehr krank geworden. Die habe ich auch unterstützt.“

Helene F. fing an, „wie wild Lotto zu spielen“. In der Hoffnung, alles zurückzahlen zu können, bevor es auffällt. Vor dem Gewinn kamen die Steuerprüfer. Ihr Betrug flog auf.

Staatsanwalt Frank Knorz fordert eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten. Der lange Zeitraum, die immense Schadenshöhe und der Vertrauensbruch seien Umstände, die nicht für die Angeklagte sprechen. Helene F. schlägt ihre Hände vors Gesicht. So bleibt sie sitzen bis der Richter das Urteil verkündet.

Verteidiger Hans Magnus Risberg hält dagegen, dass seine Mandantin nicht der typische Betrüger sei und bereits angefangen habe, ihren Schaden wieder gut zu machen. Sie habe ihr Haus der Erbengemeinschaft überschrieben und werde damit 90 Prozent der veruntreuten Gelder zurückzahlen können. Seine Forderung: zwei Jahre auf Bewährung.

Richter Gerhard Oefner verurteilt Helene F. zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren, ausgesetzt auf drei Jahre Bewährung. Seine Begründung: „Die Strafe, die die Staatsanwaltschaft gefordert hat, war gerechtfertigt. Deshalb sind wir bei der Länge geblieben. Allerdings haben wir uns davon leiten lassen, dass die Erbengemeinschaft keine Strafverfolgung wollte und es nur dazu kam, weil das Finanzamt die Rechnungsfälschungen anzeigen musste.“

Helene F. hebt ihren Blick wieder. Vor dem Sitzungsaal fällt sie ihrem Mann in die Arme. Ein hörbares Aufatmen hallt durch den Korridor.

Quelle: op-online.de

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