Vier Babenhäuser Gesangsvereine und ihre Perspektiven

Babenhausen: Chöre kämpfen gegen das Aussterben - „Wer ernten will, muss säen“

Vor-Corona-Erinnerungen: Der gemeinsame Auftritt des Frauen- und des Männerchores des Gesangvereins Eintracht Babenhausen beim „Ball der Vielharmonie“ (oben) im Januar. Unten: Der Männerchor des Langstädter Gesangvereins Liederkranz bei der Jubiläumsfeier zum 150-jährigen Bestehen des Vereins im vergangenen Jahr. Fotos: Grimm

Babenhausen – Überalterung und Mitgliederschwund plagen viele Gesangvereine. Manche gegen kreativ gegen die Corona-Pandemie vor.

Im Babenhäuser Stadtgebiet haben sich aus diesen Gründen im vergangenen Jahr sowohl die Sängerlust Harreshausen als auch der Volkschor-Sängerbund in der Kernstadt, die beide aus einem gemischten Chor bestanden, als Vereine aufgelöst. Die Chöre sind verstummt, was auch ein sozialer Verlust für die bis dahin verbliebenen Mitglieder ist. Die Lage in den noch bestehenden vier Gesangvereinen und ihre Zukunftsperspektiven sind unterschiedlich, ganz unabhängig von den Einschränkungen durch die Corona-Krise.

Babenhausen: Vor allem Männerchöre leiden unter Nachwuchslosigkeit

Eins wird in den Gesprächen mit den Vereinsvertretern schnell deutlich: Vor allem für reine Männerchöre scheint es schwer zu sein, Nachwuchs zu rekrutieren und damit den Fortbestand zu sichern. Davon kann auch der Sickenhöfer Gesangverein Bruderkette ein Lied singen. Denn die sangesfreudige Männertruppe unter der Leitung von Kurt Herdt ist inzwischen so geschrumpft, dass eigentlich keine Auftritte vor Publikum mehr möglich sind, wie Chormitglied Klaus Kolb berichtet. „Zu den Singstunden, die nur noch einmal im Monat stattfinden, kommen fünf bis neun Sänger zwischen 63 und 96 Jahren“. Beim Seniorennachmittag im Stadtteil im vergangenen Herbst sangen sie zwar noch einmal vor Publikum. „Aber eigentlich sind wir zu wenige für einen richtigen Auftritt und es gibt auch keinen Nachwuchs“, bedauert Kolb.

Liederkranz Hergershausen hat sich aus mehreren Chören zusammengetan

Ein anderes Bild zeigt sich in Hergershausen beim Gesangverein Liederkranz. Der als reiner Männerchor gegründete Verein, der im kommenden Jahr sein 130-jähriges Besehen feiert, hat sich bereits im Jahr 1982 auch für Frauen geöffnet, was sein Überleben wohl gesichert hat. Denn aus dem zunächst reinen Frauenchor und dem parallel existierenden Männerchor wurde über die Jahre – auch wegen der schrumpfenden Männergruppe – ein gemischter Chor, der Stammchor des Liederkranz, der aktuell 27 Mitglieder zählt. „Darunter sind nur noch zehn Männer“, sagt die zweite Vorsitzende Christel Kirchhöfer. Das Durchschnittsalter liege inzwischen bei 83 Jahren. In weiser Voraussicht hat sich der Verein nach dem Beitritt der Frauen vor fast vier Jahrzehnten im Jahr 2009 noch einmal mir Erfolg verjüngt und vergrößert.

Projektchor "Junge Töne" durch Corona-Pandemie eingeschränkt

Der Projektchor „Junge Töne“ wurde gegründet, der seit April 2011 auch offizieller Teil der Vereinsfamilie ist. Die 20 Sängerinnen und Sänger, darunter auch einige Ehepaare, sind überwiegend im mittleren Alter. Aber es finden sich auch ältere Semester in ihren Reihen, denn der Name „Junge Töne“ soll weniger das Durchschnittsalter der Mitglieder als vielmehr die moderne, auch englischsprachige Chorliteratur widerspiegeln.

Dass wegen der Coronavirus-Pandemie das gerade erst gestartete Queen-Projekt der „Jungen Töne“, ein Mitmach-Projekt auch für Nicht-Mitglieder, auf Eis gelegt werden musste, sei schade, so Kirchöfer „Wir verschieben das Projekt und die im Anschluss daran geplante Sing-and-Dance-Party auf das kommende Jahr und hoffen, dass die zwölf neuen Sänger dann auch wieder dabei sind.“

Kreativ gegen Corona: Chor trifft sich über Zoom

Innovativ zeigen sich die „Jungen Töne“ auch bei der Rettung ihrer Singstunden, die derzeit ausfallen müssen. Angeregt durch ihre Dirigentin Iskra Valtcheva und technisch ermöglicht durch das Internetportal „Zoom“, wollen sich die „Jungen Töne“ vor ihren Computerbildschirmen, jeder im heimischen Wohnzimmer, zum gemeinsamen Singen treffen. „Wir wissen aber noch nicht, ob das auch wirklich funktioniert. Wir fangen jetzt erst damit an“, so Kirchhöfer.

Babenhausen: Eintracht musste Konzert wegen Corona ausfallen lassen

Mit über 70 aktiven Sängerinnen und Sängern, auf vier Chöre verteilt, steht der Babenhäuser Gesangverein Eintracht ganz gut da. Für März war eigentlich ein großes gemeinsames Konzert geplant, das wegen der Pandemie ausfallen musste. Obgleich auch hier der Männerchor, der von Pavlina Georgiev gleitet wird, ein Sorgenkind ist, wie der Vorsitzende Manfred Kunkel berichtet. „Wir sind 24 Männer mit einem Durchschnittsalter von 70 Jahren. Wir sind zwar noch genug, um zu singen, aber es wäre schon Nachwuchs nötig und der ist schwer zu finden“.

"Women and Voices" Chor lässt sich von Corona nicht unterkriegen

Beim fast 30 Mitglieder zählenden, 1999 gegründeten Frauenchor „Women and Voices“, der seinen Schwerpunkt auf Gospel und Popularmusik legt, läuft es gut. Und auch der von Katja Boost-Munzel geleitete Kinderchor sowie der im vergangenen Sommer gegründete Jugendchor haben die Vereinsfamilie erfolgreich verjüngt. „Aber diese Kinder sind ja nicht automatisch Nachwuchs für unsere Erwachsenenchöre“, so Kunkel, der diese Form der Nachwuchsförderung trotzdem wichtig findet. „Wer als Kind gesungen hat, singt später auch eher in einem Chor. Und wer ernten will, muss säen“.

Liederkranz Langstadt erinnert sich an alte Zeiten

So sieht es auch Heinrich Metzler, der Vorsitzende des Langstädter Gesangvereins Liederkranz, der im vergangenen Jahr sein 150-jähriges Bestehen feierte. Seit 1976 besteht ein Kinderchor neben dem reinen Männerchor. Und dieser in Kooperation mit der Markwaldschule geführte Kinderchor boomt. Über 50 Kinder singen aktuell unter der Leitung von Dieter Haag und der Lehrerin Anna Grof. „Der Zweck dieses Chores ist es, die Kinder ans Singen heranzuführen. Das sind aber keine neuen Sänger für uns. Dafür ist der Altersabstand zu groß“, sagt Metzler, der in seinem von Björn Karg geleiteten Männerchor noch 25 Häupter zählt. Das Durchschnittsalter liege bei 70 Jahren. „Es werden immer weniger und alle unsere Werbemaßnahmen helfen nicht. Das Interesse geht einfach zurück“. Der Vorsitzende erinnert sich noch gut an Auftritte in den 70er und 80er Jahren, als 85 Langstädter Sänger gemeinsam auf der Bühne standen.

VON PETRA GRIMM

Quelle: op-online.de

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