Interview mit Ex-Betriebsratsvorsitzendem

Zukunft von Continental ungewiss: „Es sieht düster für Babenhausen aus“

Als Continental-Betriebsratsvorsitzender sprach Weihert im März auf der Demo-Abschlusskundgebung.
+
Als Continental-Betriebsratsvorsitzender sprach Weihert im März auf der Demo-Abschlusskundgebung in Babenhausen.

Nach fast fünf Jahrzehnten verlässt der Betriebsratsvorsitzende Roland Weihert Continental in Babenhausen. Im Interview wirft er einen Blick zurück.

Babenhausen/Altheim - Der Entschluss, als Continental Betriebsratsvorsitzender in Babenhausen aus gesundheitlichen Gründen diese Woche zurückzutreten, ist Roland Weihert nicht leicht gefallen. Gerade in der aktuellen Situation. Ende des Jahres geht er nach fast fünf Jahrzehnten am VDO- beziehungsweise Continental-Standort in den Ruhestand. In Altheim und der Region ist der 63-Jährige allerdings auch vielen bekannt als ehemaliges Mitglied der Theatergruppe des Eintracht-Fanclubs Altheim.

Herr Weihert, nach 49 Jahren und vier Monaten am Standort in Babenhausen werden Sie Ende des Jahres in den Ruhestand gehen. Skizzieren Sie mal Ihren Weg durch fast fünf Jahrzehnte Werkgeschichte.

Vom 1. September 1971 bis 1975 Ausbildung zum Maschinenschlosser, von 1975 bis 1984 Einrichter in der Tachometermontage, 1983 Ausbildereignisprüfung abgelegt, 1984 Industriemeisterprüfung, 1984 bis 1995 Fertigungsmeister in der Tachometermontage, 1995 bis 2003 Kostenstellen, verantwortlich in der Kombi-Endmontage, 2003 bis 2006 Anlaufplaner in der Arbeitsvorbereitung, ab 2006 im Betriebsrat und seit März 2014 Betriebsratsvorsitzender und seit 2019 Mitglied im Aufsichtsrat der Continental Automotive GmbH.

Was werden Sie denn am meisten vermissen?

Am meisten werde ich die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen vermissen, die Zusammenarbeit mit Menschen war und ist immer eine Herausforderung. Ich muss sagen, die Zeit, in der ich in der Montage als Führungskraft gearbeitet habe, waren die schönsten und ich denke immer gerne an die Zeit zurück.

Nach fast fünf Jahrzehnten bei Continental in Babenhausen: Mehr Zeit für die Familie

Und auf was freuen Sie sich am meisten?

Jetzt freue ich mich erst mal darauf, dass ich wieder zur Ruhe komme, nicht immer wieder von den bevorstehenden Ereignissen träumen zu müssen. Ich hoffe, dass ich schnell in den normalen Rhythmus komme. Dann wird erst mal die Familie das Wichtigste sein, gemeinsam mit meiner Frau die Spiele der Frankfurter Eintracht zu verfolgen und dies hoffentlich bald wieder im Stadion, die restliche Zeit werde ich nutzen, um mein Handicap im Golfen zu verbessern, denn dazu sollte ich nun Zeit haben. Auch freue ich mich darauf, wieder mehr Zeit für unsere Kinder und unsere Enkel zuhaben.

Wie sind Sie eigentlich zum Theaterspielen gekommen? Jahrelang standen Sie beim Eintracht-Fanclub Altheim auf der Bühne.

Das war ganz einfach: 1976/77 war ich Vorsitzender des Eintracht Fanclubs Altheim. Da wir jahrelang immer wieder den gleichen Ablauf der Weihnachtsfeier hatten, schlug ich damals vor: ‘Wir spielen dieses Jahr einen Sketch." Gesagt, getan. Ich organisierte die Textbücher und wir spielten den ‘Seligen Florian’. Das hatte uns derart Spaß gegeben, sodass dies die Geburtsstunde der Theatergruppe des EFC Altheim wurde. Ich war so zusagen der Gründer der Theatergruppe, worauf ich immer noch Stolz bin, denn unser Theaterensemble war weit über die Ortsgrenzen bekannt. Mit der Aufgabe als Betriebsratsvorsitzender fehlte mir dann aber leider die Zeit zum Theaterspielen. Naja, vielleicht fang ich nun wieder an.

Sparkurs bei Continental in Babenhausen: Kampf um Erhalt des Standortes

Seit 2014 waren Sie Betriebsratsvorsitzender. Wie kalt hat Sie der im September 2019 verkündete Sparkurs erwischt?

Das hat mich eiskalt erwischt, weil es hauptsächlich Babenhausen betroffen hatte. Ich glaube in dem Moment, in dem mir der Geschäftsführer sagte: Herr Weihert, wir werden das Werk schließen, mit den neuen Displayinstrumenten können wir in Babenhausen nicht kostendeckend weiterarbeiten, ich glaube, man hätte mir damals kein Blut abnehmen können, denn da war nichts. Ich fühlte mich nur noch leer, ich konnte tagelang nicht schlafen, denn ich hatte großen Respekt davor, diese unschöne Botschaft an die Belegschaft weiter zugeben. Dann begann mein Kampf zum Erhalt des Standortes, ich führte unzählige Gespräche bis hoch zu den Vorstandsmitgliedern der Continental AG und zum Aufsichtsrat.

Können Sie den Entschluss der Unternehmensführung nachvollziehen?

Aus dem Blickwinkel als Betriebsratsvorsitzender natürlich nicht. Zu dem Zeitpunkt hatten wir rund 3 600 Mitarbeiter an unserem Standort, davon allein 2 180 Kolleginnen und Kollegen im Werk, also in der Produktion. Seitdem geht es hier um die Existenzen der Belegschaft. Es geht ja auch um mehr, denken Sie nur an die Kaufkraft, die dem Babenhäuser Einzelhandel wegbricht. Nach wie vor bin ich der Auffassung, dass auch die neuen Displayinstrumente in Babenhausen mit modernen Produktionsanlagen und einer modernen Fertigungsstruktur produziert werden könnte. Zwar mit weniger Personal aber wir hätten eine Vielzahl von Arbeitsplätzen behalten können. Aber leider ist Continental nicht bereit dazu. Die Geschäftsleitung unserer Business-Areas und auch der Vorstand der Continental haben den Wandel in der Automobilindustrie verpennt.

Düstere Prognose für die Belegschaft bei Continental in Babenhausen

Hat es in den vergangenen Monaten eine realistische Chance gegeben, eine Einigung zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite zu erzielen?

Jein. Eine Einigung wäre möglich gewesen, wenn der Arbeitgeber dazu eingelenkt hätte, einen Teil der Arbeitsplätze in Babenhausen zu belassen, aber leider ist der Arbeitgeber bei seiner Schließungsphilosophie geblieben, dementsprechend musste der Betriebsrat sich ebenfalls positionieren.

Mit Ihrem Wissen aus den zurückliegenden Verhandlungen: Wie schätzen Sie die Zukunft des Standortes Babenhausen ein.

Das ist nun eine Frage: Wenn ich jetzt ganz ehrlich bin, nach den vielen Verhandlungen und Gesprächen, die ich in den letzten 14 Monaten geführt habe, sieht es düster aus. Continental wird sich hier durchsetzen und wird die Serienproduktion bis 2025 in Babenhausen auslaufen lassen. Ebenso wird es Personalanpassungen in der Entwickler- und im Shared-Services geben. Ich hätte gerne eine positivere Prognose gegeben. (Von Norman Körtge)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare