Deeskalationstraining für Kinder- und Jugendliche

„Täter suchen Schwächere“

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Streng reglementiert ging es für die Teilnehmer des Deeskalationstrainings bei der Kinder- und Jugendförderung unter Aufsicht auf die Matte zur munteren Rangelei.

Babenhausen - Unter dem Titel „Stark-Cool-Fair“ lud die städtische Kinder- und Jugendförderung zum Deeskalationstraining in die Schulsporthalle ein. Von Petra Grimm

Dietmar Lietz vom Institut für Gewaltprävention, Selbstbehauptung und Konflikttraining vermittelte den Kindern Kompetenzen im Umgang mit Konflikten und öffnete ihren Blick für eigene Stärken. Eine wichtige Regel, bevor der fünfstündige Workshop zum Deeskalationstraining am Samstagmittag startete war: „Keiner wird zu etwas gezwungen!“ Wer bei einem Spiel oder einer Übung nicht mitmachen wollte, konnte zuschauen. Die 16 Kinder zwischen acht und elf Jahren sollten begreifen, dass sie – nicht nur während des Trainings – jederzeit „nein“ sagen können. „Man darf immer sagen, was man möchte und was nicht, auch gegenüber Erwachsenen“, so der Trainer, der das „Ich“ der jungen Teilnehmer stärken will. Damit sie nicht zu Opfern werden.

„Wichtig ist, aus der Opferrolle heraus zu kommen ohne zum Täter zu werden“, sagte Lietz, der seit 14 Jahren Kindern und Erwachsenen hilft, eigene Stärken zu erkennen und sich selbst zu behaupten. Gleichzeitig soll aber auch die Empathie mit dem Gegenüber gefördert werden. Die Teilnehmer sollen sich in den anderen einfühlen lernen. Denn selbstbewusst seine eigenen Interessen vertreten und teamfähig und rücksichtsvoll sein, was von Kindern und Jugendlichen ja gleichermaßen gefordert wird, muss kein Widerspruch sein. Wer an diesem Nachmittag beispielsweise anderen ins Wort fiel und Schüchternere damit zum Schweigen brachte, wurde zu Liegestützen verdonnert. Auch diese „Strafe“ hatten sie einvernehmlich vor dem Kurs in der Gruppe so beschlossen.

„Nach welchen Kriterien suchen Täter ihre Opfer aus?“, war eine Frage, der gemeinsam nachgegangen wurde. Dazu erzählte Lietz von einem Versuch der Polizei, bei dem Gewaltverbrecher in einem Raum über einer Fußgängerzone eingesperrt wurden und beim Blick aus dem Fenster auf Leute zeigen sollten, die für sie als Opfer in Frage kämen. Zu Opfern werden demnach eher schüchterne, ängstliche Menschen – wenn man es ihnen ansieht. Das ist der Punkt. „Täter suchen sich immer Schwächere“, sagte Lietz und spielte den Kindern zwei verschiedene Typen vor. Einer tritt mit gesenktem Blick und zögerlichem Gang vor die Kinder, um ihnen mit leiser Stimme etwas zu erzählen. Dann ein aufrechter, beschwingt laufender Mensch, der die Kinder anschaut und sich mit lauter Stimme und einem fröhlichen Gesicht präsentiert. Den Kindern ist sofort klar: „Der Gangster hätte sich den ersten ausgesucht“, sagte ein Junge und die anderen nickten. Ein Mensch mit Angst ist an seiner Körpersprache, Stimme und seinem Blick zu erkennen. „Schaut anderen immer ins Gesicht und sucht Augenkontakt“, schärfte ihnen der Konflikttrainer ein. „Wenn man sich das nicht traut, schaut einfach auf den Nasenrücken zwischen den Augen“, so sein Tipp. In einer Vorstellungsrunde, bei der sie von ihren Hobbys, ihren Vorlieben und Abneigungen erzählten, übten sie, ihre Körpersprache und Stimme so zu nutzen, dass sie selbstbewusst wirken. Das gelang nicht allen, aber sie bemühten sich. Und wer sich traute, vor der Gruppe frei zu sprechen – was für viele Menschen, nicht nur Kinder, ja bereits eine Herausforderung ist – wurde mit Applaus belohnt.

In Gewaltkonflikten richtig verhalten

Mutproben oder auch faires Kämpfen gehörten an diesem Nachmittag ebenfalls zum Programm. Lietz schärfte den Kindern ein, nur auf weichem Untergrund, im Beisein von Erwachsenen, mit festen Regeln und wenn beide es wollen, zu kämpfen. „Niemals auf dem Schulhof oder dem Nachhauseweg. Das kann gefährlich sein und zu Verletzungen führen“.

Es ging bei dieser Rangelei nicht nur um das Kräftemessen und Spaß am Körperkontakt, sondern auch um gegenseitigen Respekt und Vertrauen. Beim Kämpfen im Workshop gab es ein Codewort, mit dem man die Sache stoppen kann. „Sagt Apfelmus. Dann hören wir sofort auf uns schauen, was los ist“, so der Trainer, der weitere Regeln für den Kampf im geschützten Rahmen aufstellte: „Nicht treten, beißen, kratzen oder kitzeln“. Dann ging es richtig zur Sache. Die vier Mädchen im Team schauten dabei lieber zu. Sie nahmen ihr Recht in Anspruch, dazu „nein“ zu sagen.

Quelle: op-online.de

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