Wie Dörfer von der Landkarte verschwanden

Als es den Leichenweg gab

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Wie die Karte von 1581 zeigt, waren die Altdörfer einst direkte Nachbarn zu den Babenhäusern.

Babenhausen - „FC Altdorf aufgestiegen“ oder „Karnevalisten in Langenbrücken starten fulminant in die Kampagne“ - so könnten heutzutage Schlagzeilen in unserer Zeitung aussehen, wenn die Geschichte anders verlaufen wäre. Von Michael Just

Das Babenhäuser Territorialmuseum bietet nicht nur interessante Ausstellungsstücke und Relikte aus vergangenen Zeiten: Zu den meisten finden sich der Amtsgasse 32 auch Begebenheiten, die von abenteuerlich über spannend bis unglaublich reichen. In einer Serie stellt unsere Zeitung die interessantesten Geschichten vor. Denn einst waren Altdorf, Langenbrücken und Hildenhausen nur einen Steinwurf von Babenhausen entfernt. Doch im Gegensatz zu Harreshausen, Sickenhofen oder Langstadt verschwanden sie im Lauf der Zeit von der Landkarte. Altdorf war sogar älter als Babenhausen. 1146 wird es erstmals erwähnt. Kuno I. von Münzenberg kaufte dort dem Abt von Fulda Grundbesitz ab, um darauf die Burg Babenhausen zu bauen. Das Örtchen war Sitz eines Land- und Zentgerichts und besaß eine eigene Pfarrei. 1622 wurde Altdorf im Dreißigjährigen Krieg zerstört. Die verbliebenen Bewohner hatten kein Glück, denn bald ereilte sie die Pest. Nach dem Jahr 1635 waren sie so stark dezimiert, dass man das Dorf nicht mehr aufbaute.

An Altdorf erinnern heute vor allem Flurnamen, darunter die Straßenbezeichnung „Hinter der Altdörfer Kirche“. Als man den Parkplatz von Andre & Oestreicher errichtete, stießen die Bauarbeiter auf die Fundamente der Kirche und des Friedhofs. Zum Gottesacker kamen auch die Langstädter, um ihre Toten zu begraben, da sie zu jener Zeit keinen eigenen besaßen. Dem benutzten Pfad gab man die Bezeichnung „Leichenweg“ oder „Totenplätscherweg“. „Die Verstorbenen fielen wohl öfter vom Karren runter und landeten mit einem Platsch-Geräusch auf dem Boden“, weiß Georg Wittenberger vom Heimat- und Geschichtsverein. Hildenhausen lag nordöstlich von Harreshausen. Bereits 1407 wurde es zerstört. Durch gräfliche Interessen nötigte Ulrich von Hanau die Bewohner, nach Harreshausen zu ziehen. Im Westen von Babenhausen, in der Nähe der Konfurter Mühle, wohnten die Langenbrückener. Aus kirchlicher Sicht war Langenbrücken eine Filiale von Altdorf. Der Ort ging ebenfalls unter. Lange Zeit wies der „Langenbrücker Hof“ in Friedhofsnähe auf diese Vergangenheit hin. In Erinnerung an Altdorf gab es auch einen Altdörfer Hof (hinter der heutigen Esso-Tankstelle). In ihm war später das Forstamt untergebracht. 1944 wurde es im Krieg zerbombt.

Kerb in Harpertshausen

Kerb in Harpertshausen

Die einstige Lage der untergegangen Dörfer, die manchmal nur wenige Häuser oder Gehöfte zählten, lässt sich auf der Landkarte von Elias Hofmann aus dem Jahr 1581 gut erkennen. Die Karte ist die älteste von Babenhausen und Umgebung, nachdem im Krieg eine Darstellung von 1570 vernichtet wurde. Dass die Karte von Hofmann erhalten blieb, beruht auf glücklichen Umständen. Mit Kriegsende war sie verschollen und wurde später in einem Pferdestall in Heppenheim entdeckt. Im Territorialmuseum ist eine Replik zu sehen. Das Original, Öl auf Leinwand mit den stattlichen Maßen 120x160 Zentimeter, wird im Staatsarchiv in Darmstadt aufbewahrt. Philipp V. von von Hanau-Lichtenberg hatte die Karte einst für einen Prozess vor dem Reichskammergericht in Auftrag gegeben.

Quelle: op-online.de

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