"Neue Beweise völlig ausgeblendet"

Doppelmord: Gericht lehnt Wiederaufnahmeantrag von Andreas Darsow ab - Anwalt kritisiert Richter

+
Ein Polizeifahrzeug steht in Babenhausen vor dem Einfamilienhaus mit heruntergelassenen Rolläden, in dem die Leichen eines älteren Ehepaares gefunden worden waren, die Tochter hatte ebenfalls Schussverletzungen und lag vor dem Haus.

Das Landgericht Kassel hat den Wiederaufnahmeantrag des wegen Doppelmordes verurteilten Andreas Darsow aus Babenhausen abgelehnt.

Babenhausen – Wie Ehefrau Anja Darsow berichtet, sei die 81-seitige Begründung Ende vergangener Woche bei ihrem in Schwalmstadt einsitzenden Mann eingegangen. Ihr Rechtsanwalt, der renommierte Strafverteidiger Gerhard Strate, werde Beschwerde gegen die Ablehnung beim Oberlandesgericht Frankfurt einreichen, berichtet Darsow.

In dem Indizienprozess war Darsow wegen des Mordes an seinem Nachbarsehepaar zu einer lebenslänglichen Haftstrafe – unter Feststellung der besonderen Schwere der Schuld – verurteilt worden. Damit ist eine vorzeitige Haftentlassung nicht möglich.

Doppelmord in Babenhausen: Anwalt kündigt fristgerecht Beschwerde an

„Insbesondere führt eine Gesamtbetrachtung unter Berücksichtigung der weiteren, durch die erkennende Kammer (Landgericht Darmstadt, Anm. der Redaktion) in die Beweiswürdigung eingestellten Punkte dazu, dass die Ausführungen im Wiederaufnahmeantrag insgesamt nicht geeignet sind, die den Schuldspruch tragenden Feststellung des Gerichts zu erschüttern."

So steht es am Ende der 81-seitigen Begründung des Landgerichts Kassel. Damit ist der im Mai vergangenen Jahres von Rechtsanwalt Gerhard Strate eingereichte Verfahrenswiederaufnahmeantrag für den wegen Doppelmordes verurteilten Andreas Darsow gescheitert. Vorerst zumindest. Denn Strate hat bereits fristgerecht Beschwerde eingelegt, über die nun das Oberlandesgericht Frankfurt entscheiden muss. Obendrein übt er harsche Kritik an der Begründung der Kassler Richter.

Anwalt kritisiert Beschlusses zu Doppelmord in Babenhausen 

In einer ersten Stellungnahme berichtet Strate, dass er zunächst ob des Seitenumfangs des Beschlusses davon ausgegangen sei, dass sich das Gericht „sehr viel Mühe gegeben haben“ müsse. Doch nach Durchsicht des Schriftstücks beschränke sich sein Respekt nur noch auf die Mitarbeiter des Schreibdienstes: „Sie hatten in der Tat einige Mühen durchzustehen.“

Wie Strate auflistet, besteht der überwiegende Teil aus überflüssigem Schreibwerk: 42 Seiten enthalten eine Abschrift des angefochtenen Urteil des Landgerichts Darmstadt; auf 27 Seiten wird der Wortlaut des Wiederaufnahmegesuchs sowie zweier Schriftsätze des Verteidigers wiedergegeben und auf drei Seiten werden die Ausführungen der Staatsanwaltschaft referiert. Weitere zwei Seiten enthalten Kommentarliteratur zum Wiederaufnahmerecht. Lediglich fünf Seiten am Ende befassen sich „entfernt mit dem Wiederaufnahmevorbringen“.

Doppelmord in Babenhausen: Landgericht blendet neue Beweismittel laut Anwalt aus

Die Argumentationslinie des Landgerichts Kassel sei „von erstaunlicher Simplizität“, schreibt Strate. Da die Strafkammer in Darmstadt seinerzeit bereits einen Schusswaffensachverständigen gehört habe, seien die nun präsentierten Schusswaffensachverständigen keine neuen Beweismittel und die von Strate beauftragten Sachverständigen würden auch nicht über bessere Forschungsmittel verfügen. Deshalb sei der Umstand, dass diese Sachverständigen zu anderen Schlussfolgerungen gelangen, unbeachtlich.

Dass – unabhängig von der gleichartigen Qualifikation des alten und der neuen Sachverständigen – schon die Videoaufnahmen von den Schießtests des neuen Sachverständigen neue Beweismittel sind, die eine neue Beweistatsache belegen, „wird vom Landgericht Kassel völlig ausgeblendet“.

Ehefrau Anja Darsow rechnet mit langen Entscheidungswegen

Wie berichtet, stehen die Ergebnisse der Schussversuche konträr zu den Ermittlungsergebnissen am Tatort 2009. Im Fokus dabei steht ein selbst gebauter Schalldämpfer. Die Versuche hätten in gestochener Bildschärfe gezeigt, dass eine „bei jedem Schuss sich steigernde Kompression und Zerwirkung des in die PET-Flasche eingebrachten Bauschaumkörpers, verbunden mit einem sich Schuss um Schuss steigernden Austritt von Bauschaumpartikeln“ gegen die Spuren am Tatort sprechen. In der Urteilsbegründung hingegen hieß es, dass „mit der steigenden Anzahl der Schüsse grundsätzlich weniger Partikel bei den Schussabgaben entstanden sind“. Ein Widerspruch also, der die zentrale These in der Beweiswürdigung des Landgerichts Darmstadt widerlege, so Strate.

Videosequenzen der Schussversuche mit einem selbst gebauten Schalldämpfer präsentierte Rechtsanwalt Gerhard Strate (rechts) bei einer Pressekonferenz. Neben ihm Steffen Otto vom Unterstützerverein „Monte Christo“.

Auch interessant: Doppelmord-Prozess Babenhausen: Interview mit Anja Darsow

Vielmehr würdigt das Landgericht Kassel die weiteren in der Urteilsbegründung zusammengetragenen Indizien des Landgerichts Darmstadt, wie das Motiv des Verteilten, das Auffinden von spezifischen Schmauchspuren an seiner Kleidung und die Internetrecherche zu Schalldämpfern mit Bauschaum.

Mit mindestens einem halben bis dreiviertel Jahr rechnet Ehefrau Anja Darsow nun, bis das Oberlandesgericht Frankfurt über die von Rechtsanwalt Gerhard Strate eingereichte Beschwerde entscheidet.

VON NORMAN KÖRTGE

Lesen Sie auch:

Doku „Unschuldig hinter Gittern“ behandelt den Fall Darsow

Fast vier Jahre ist es jetzt her, dass Andreas Darsowzu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Seine Frau hält nach wie vor an seiner Unschuld fest. Jetzt erscheint eine weitere Fernsehdokumentation über den Babenhäuser und das Mysterium des Doppelmords

Doppelmord von Babenhausen: Hoffnung auf neuen Prozess

Seit acht Jahren sitzt der Babenhäuser Andreas Darsow im Gefängnis. Verurteilt wegen Doppelmordes. Seine Ehefrau Anja aber ist von seiner Unschuld überzeugt und kämpft um Wiederaufnahme des Verfahrens. Nun soll der Antrag gestellt werden.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare