Inklusion auch in Sekundarstufen

Schulleiter sieht Bedarf an Fördermaßnahmen

Babenhausen - Die Eduard-Flanagan-Schule feiert morgen ihr 40-jähriges Bestehen. Wir haben das zum Anlass genommen, mit Schulleiter Peter Baumann über die Entwicklung der Schule und Pädagogik sowie die Bedeutung von Förderschulen in der heutigen Zeit zu sprechen. Von Yvonne Fitzenberger 

40 Jahre Eduard-Flanagan-Schule, was bedeutet das für Sie?

In den 40 Jahren hat sich die Schule von einem eher geschlossenen System zu einer Schule mit Öffnung nach außen entwickelt. Es wurde ein Netzwerk mit allen Schulen der Region, aber auch außerschulischen Institutionen und Betrieben geknüpft. Damit ist nicht nur die Entwicklung des inklusiven Unterrichts in den allgemeinen Schulen gemeint. Auch die Entwicklung der Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Die Berufsorientierung mit einem Anschluss an die Berufs- und Arbeitswelt hat sich zu einem zentralen Arbeitsfeld der Schule entwickelt. Auch dafür sind Kooperationen – Betriebe, Agentur für Arbeit, Handwerkskammer zum Beispiel – nötig. Es werden PuSch-Klassen (Praxis und Schule) in gemeinsamer Verantwortung mit der Joachim-Schumann-Schule für die Region angeboten.

Wie hat sich die Pädagogik in den 40 Jahren geändert?

Das einzelne Kind mit all seinen Fähigkeiten und Ressourcen, aber auch seinen Schwierigkeiten, ist stärker in den Mittelpunkt gerückt. Die Pädagogik orientiert sich mehr an den zu erwerbenden Kompetenzen. Oder anders ausgedrückt: Es werden mehr Kinder und weniger Fächer unterrichtet.

Wie hat sich das Thema Inklusion auf die Flanagan-Schule ausgewirkt?

Die Schülerzahlen an der Förderschule sind stark zurückgegangen, was ja ein positives Zeichen ist. Gleichzeitig hat der ambulante Teil, die Arbeit des Beratungs- und Förderzentrums, stark an Bedeutung gewonnen. Mehr als 50 Prozent des Personaleinsatzes gehen mittlerweile nach außen an die allgemeinen Schulen. 22 Lehrkräfte der Flanagan-Schule arbeiten ganz oder teilweise an den regionalen Schulen, darunter in Babenhausen und Schaafheim. Der Arbeitsbereich Inklusion wird weiter an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig sehe ich als Wahlangebot weiterhin einen Bedarf für die Förderschule.

Bilder: Abschlussfeier der Joachim-Schumann-Schule Babenhausen

Warum glauben Sie an einem weiteren Bedarf an Förderschulen?

Ich glaube, für eine weitergehende Inklusion müsste sich in den Grundschulen und besonders in den Sekundarstufen I noch ganz viel verändern, und zwar vom grundsätzlichen Prinzip her.

Das bedeutet?

Neben der individuellen Förderung ist eine Aufgabe der Schule immer noch die Auslese durch Notengebung, Zuweisung von Schulformen und so weiter. Wenn wir die Inklusion gelingend gestalten wollen, dann muss sich die Vielfalt wirklich auf alle Schüler beziehen, ohne dass damit Bewertungen einhergehen. Jeder Mensch hat seine Stärken und Schwächen. Insbesondere an den Stärken muss die Förderung ansetzen. Wenn aber die Kinder mit umfassenden Schwächen wohlmeinend durch differenzierte Unterrichtsangebote von der ansonsten relativ leistungshomogenen Klasse quasi besonders hervorgehoben werden, zeigt man ihnen, dass sie eben anders sind als alle anderen.

Und das kann Folgen haben?

Das kann bei einzelnen Kindern dazu führen, dass sie sich durch diesen permanenten Vergleich herabgesetzt fühlen. Oder dass auch ansonsten vielleicht mögliche Leistung verweigert wird. Wie gesagt, das kann dazu führen, muss es aber nicht. Für mich ist es ein Kriterium für die Empfehlung einer Förderschule, wenn sich ein Kind subjektiv aus solchen oder ähnlichen Gründen in einem inklusiven Setting nicht aufgehoben fühlt. Außerdem wird es immer Kinder geben, die sich – vielleicht auch nur vorübergehend – in dem großen System einer allgemeinen Schule nicht zurecht finden. Das kann dort den Rahmen sprengen und dann wäre – vielleicht auch nur vorübergehend – der Besuch einer Förderschule sinnvoll.

Bilder: Abschlussball der Babenhäuser Joachim-Schumann-Schule

Was wünschen Sie sich für die nächsten 40 Jahren?

Ich wünsche mir Planungssicherheit für die nächsten Jahre. Wir müssen verlässlich wissen, welche politischen Vorgaben uns gemacht werden, damit wir längerfristige pädagogische Konzepte leben und weiterentwickeln können.

Was erwartet Besucher morgen bei der Feier?

Am Freitag erwartet die Besucher eine hoffentlich spannende Podiumsdiskussion. Es sollen Vertreter des Staatlichen Schulamtes, des Landkreises als Schulträger und Schulleiterinnen der Bezugsschulen mit uns, Elternvertretern und einer Vertreterin der Wissenschaft miteinander zu genau der von Ihnen auch aufgeworfenen Frage zur Zukunft der Eduard-Flanagan-Schule ins Gespräch kommen. Wir wollen damit die verschiedenen Arbeitsbereiche der Schule lebendig darstellen, aber auch kritisch hinterfragen. Anschließend gibt es ein buntes Schulfest, bei dem unter anderem die Schüler präsentieren, was sie in der Projektwoche alles geleistet haben. Es sind auch Ehemalige eingeladen.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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