„Mit einem Bein im Grab“

Ex-Spitzenathlet Alwin Wagner über Doping

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Olympiateilnehmer Alwin Wagner berichtete an der Bachgauschule über Doping und die Gefahren.

Babenhausen - Der frühere Spitzen-Leichtathlet Alwin Wagner hat vor 130 Schülern der Bachgauschule einen beeindruckenden Vortrag über die Praxis und Gefahren des Dopings im Leistungs- und Breitensport gesprochen. Eingeladen hatte ihn Sportlehrer Jonas Reinert. Von Petra Grimm

Älteren Leichtathletik-Kennern ist Alwin Wagner ein Begriff. Der heute 67-Jährige gehörte in den 1980er Jahren zu den weltbesten Diskuswerfern. Von 1981 bis 1985 war er fünfmal deutscher Meister und nahm an den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles teil, wo er den sechsten Platz belegte. Auf Einladung von Jonas Reinert, Sportlehrer an der Bachgauschule und auch für die Suchtpräventionsarbeit zuständig, war Wagner aus seinem Heimat-ort Melsungen angereist, um über die Praxis und Gefahren des Dopings im Leistungs- und Breitensport aufzuklären und zu sensibilisieren. Er sprach zu den Abiturienten und Schülern des Sportleistungskurses als „Zeitzeuge, Täter und Opfer“, so Wagner, und warnte eindringlich: „Wer dopt, steht mit einem Bein bereits im Grab.“

Denn auch heute streben viele Freizeitsportler und Fitnessstudio-Besucher nach höheren Leistungen und mehr Muskelumfang und bedienen sich dabei relativ leicht zugänglicher Stimulanzien und Anabolika. In diese Richtung geht auch eine Intention des Lehrers, der hofft, dass seine Schüler „nur legale Eiweißshakes“ zu sich nehmen. „Aber das Thema Doping ist auf jeden Fall wichtig für Sportler und ist auch Bestandteil der Abiturprüfung im Fach Sport“, so Reinert.

Wagner, der selbst von 1977 bis 1984, zunächst überredet von einem Trainer und später zunehmend unter dem Druck immer höherer Leistungsnormen des Deutschen Leichtathletik Verbandes (DLV), verbotene Substanzen zu sich nahm, entschuldigte sich und seine Sportlerkollegen nicht („Jeder trifft selbst die Entscheidung“). Aber er klagte auch deutlich an. Denn nicht nur von Funktionärsseite, die um Sponsorengelder und staatliche Fördermittel für ihren Sport bangen, als auch der Politik, die „den Medaillenspiegel als sportliche Visitenkarte eines Landes“ betrachtet, wären die Athleten unter Druck gesetzt worden. Sie seien darüber hinaus in der Regel von ihren Ärzten über gesundheitliche Gefahren nicht aufgeklärt worden.

Wagner berichtete von traurig und tödlich endenden Schicksalen ehemaliger Spitzensportler. Da zeigten sich die Schüler berührt, von denen einige vor dem Vortrag noch zugegeben hatten, für Ruhm und Geld Doping-Mittel nehmen zu würden. Vor allem als Fotos die körperlichen Veränderungen durch Doping belegten, ging ein Raunen durch das junge Auditorium. Aus normal aussehenden Menschen wurden Muskel bepackte Wesen, Frauen vermännlichten.

Als extremes Beispiel erzählte Wagner von der DDR-Kugelstoßerin Heidi Krieger, mit der er auch befreundet ist. Die Testosteron-Spritzen veränderten ihren Körper so stark, dass sie sich im wahrsten Sinne des Wortes in einen Mann verwandelte und sie sich schließlich sogar zum Mann umoperieren ließ. „Sie konnte keine Frau mehr sein, weil ihr Trainer sie jahrelang mit Anabolika vollgestopft hatte und heißt heute Andreas Krieger“, so Wagner, der auch von den Folgen für seinen eigenen Körper berichtete. Er bemerkte als 26-Jähriger, als er mit dem Doping begann, bereits nach kurzer Zeit eine enorme Leistungssteigerung. Die Frage, ob es das aber wert sei, wenn man in der Folge – wie er auch – mit schweren Erkrankungen konfrontiert sei, ließ er im Raum stehen. „Ich bin dem Tod dreimal von der Schippe gesprungen, hatte 1987 einen Gehirntumor, der zum Glück rechtzeitig operiert wurde, 2002 Darm- und vor fünf Jahren Blasenkrebs. Dass das durch das Doping kommt, kann man natürlich nicht nachweisen“.

Doping: Die merkwürdigsten Ausreden

Ein interessanter Aspekt seines Vortrags war das, was er als „Kartell des Schweigens“ beschrieb und in dem er vor allem „die Herren in den Ministerien, die Funktionäre in den Verbänden, die Trainer und Ärzte“ ansiedelt. Deren „Heuchelei“ macht ihn noch heute richtig wütend. Denn als er 1981, auf dem Höhepunkt seiner eigenen Karriere, im Kreise von Funktionären und Sportlern das Problem ansprach, dass „die Athleten immer mehr Pillen schlucken müssen, um die Leistungsnorm zu erfüllen“, fand er kein Gehör, sondern wurde im Gegenteil als Lügner verunglimpft. Als erster Whistleblower in diesem Bereich, als dieser Begriff in Deutschland noch unbekannt war, ging er zur Staatsanwaltschaft und über die Medien an die Öffentlichkeit und packte aus.

Alwin Wagner ist heute Trainer bei seinem Heimatverein und hält Vorträge an Schulen. Sein Blick auf die immer schwerer aufzuklärende Doping-Praxis in der Gegenwart und Zukunft ist wenig optimistisch, aber wahrscheinlich realistisch. Er zitierte den Zellbiologen und Dopingfahnder Professor Werner Franke, nach dem wissenschaftliches Doping im Spitzensport nicht mehr erkannt werden kann und unbekannte Designerstoffe ohne Whistleblower nicht mehr aufzuspüren sind.

Quelle: op-online.de

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