Reinhold Blaha führt Freizeit-Knipser

Fotowalk durch das schon lange verwaiste Kasernengelände

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Diese Toilette im „Army Airfield“-Gebäude ist eines der bekanntesten Motive von Reinhold Blaha, In den Waschbecken liegen Blätter, der Verputz bröckelt ab und Schimmel macht sich in den Ecken und Kanten breit.

Babenhausen - Seit über einem Jahrzehnt ist das ehemalige Kasernengelände in Babenhausen verlassen, für die Öffentlichkeit ist es nicht zugänglich. Bei einem geführten Fotowalk des Babenhäuser Fotografen Reinhold Blaha ist eine Gruppe auf dem Gelände unterwegs. Von Lars Herd

„Oh, da war mal ein Schild“, ruft Hans-Christian Beck (60) und geht zügig auf einen großen, breiten, mit Moos bewachsenen Stein zu, der etwa so groß wie eine Kuh ist. In der Tat ist da ein DIN-A4 großes, ausgestampftes Rechteck im Stein zu sehen. In seinen Händen hält der groß gewachsene Mann eine Kamera. Er geht tief in die Hocke, legt ein Knie auf dem Boden ab, setzt das Objektiv an, seine Brille mit den runden Gläsern zieht er dabei nicht aus. Ein „Klick“ und das Bild ist im Kasten. Kaum dreht er sich um, hat er schon das nächste Motiv im Blick. Mit großen Schritten läuft er über die etwa fünf Meter breite Straße zielstrebig auf ein verkommenes Haus zu, in dem sichtlich seit langer Zeit niemand mehr lebt.

Auf den Verkehr braucht Hans-Christian Beck beim Überqueren der Straße nicht zu achten, Autos fahren hier schon lange nicht mehr. Die Umgebung mit den vielen großen, verlassenen Wohnhäusern und umgekippten Straßenlaternen sowie -schildern erinnert an eine Apokalypse – alles ist verkommen und fast keine Menschenseele ist zu sehen. Aber nur fast: 18 Personen sind mit ihren Kameras auf dem ehemaligen Kasernengelände in Babenhausen unterwegs. Bei einem Fotowalk, geleitet vom Babenhäuser Fotografen Reinhold Blaha (47) alias „The Matrixer“ (in Anlehnung an den Film „Matrix“), halten sie den Verfall der Gebäude bildlich fest. Denn lange wird das alles nicht mehr zu sehen sein. Die meisten Wohnhäuser werden renoviert oder ganz abgerissen. Nach über 100-jähriger Nutzung wurde das Gelände im Sommer 2007 verlassen, ist seitdem für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich. Nun soll es zu einem Wohngebiet werden.

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Die Schönheit des Verfalls

Es ist nicht das erste Mal, dass Reinhold Blaha eine Gruppe über das Gelände führt. Bereits zum fünften Mal leitet er eine Crew von Fotografen und zeigt ihnen verschiedene Motive. Selbst war der gebürtige Offenbacher, der seit 2010 in Babenhausen lebt, schon viele Male auf dem Gelände, hat mittlerweile über 800 Fotos geschossen. „Ich habe jede Ecke hier gesehen, könnte aber immer noch mehr Bilder machen“, sagt er. Auch bei den Fotowalks hat er immer seine Kamera dabei. Doch die nutzt er dann eher selten, vielmehr zeigt er den Fotografen verschiedene Stellen und lässt sie dann frei herumlaufen, damit sie selbst ihrer Fantasie freien Lauf lassen können. „Es geht mehr um die Motivsuche. Aber ich kann auch Hilfestellungen geben, wenn die ein oder andere Frage kommt“, erklärt Blaha.

Doch noch sind die Gebäude marode. Die Wände sind abgeblasst, die Haustüren verschlossen. Im kleinen Vorgarten eines Hauses wächst nur Unkraut. Der Duft von frisch geschnittenem Holz liegt in der kühlen Luft. Sonnenstrahlen kommen an diesem trüben Tag nicht durch die dichte Wolkendecke.

Hans-Christian Beck macht einen kleinen Hops auf den etwas von der Straße erhöhten Vorgarten. Mit seiner hellblauen Jacke und der dunkelblauen Mütze, unter der ein paar seiner kurzen, weißen Haare zum Vorschein kommen, steht er im Unkraut, setzt die Kamera an und visiert das Fenster an. Dem sieht man an, dass sich lange niemand mehr darum gekümmert hat. Das Mückengitter ist kaputt, hat Löcher, hängt auch schon von der Hauswand ab. Efeu rankt an der Hauswand empor und hat sich einen Weg zwischen Fenster und Mückengitter gebahnt. „Ich liebe einfach solche morbiden Motive“, sagt Hans-Christian Beck beim Gang über das verlassene ehemalige Kasernengelände in Babenhausen, „es macht mir unheimlich Spaß, so etwas zu fotografieren.“

Und da ist er nicht der Einzige. Neben Hans-Christian Beck sind noch 16 weitere Teilnehmer beim Fotowalk dabei. Reinhold Blaha führt die Gruppe über das mehr als 140 Hektar große Areal und zeigt ihnen immer wieder schöne Stellen, an denen sie den Verfall bildlich festhalten können. Unter anderem führt Blaha die doch recht große Gruppe durch den kleinen Wald am Rande des Geländes. Dort bleibt er kurz stehen und ruft alle zusammen. „Wer weiß, was hier passiert ist?“, fragt er in die Runde. Keiner antwortet. „Hier wurde ein hr-Tatort gedreht. Da drüben ist ein Kommissar einem Täter hinterher gerannt“, sagt Blaha und deutet nur wenige Meter neben sich, um dann auf ein entferntes Gebäude zu zeigen. „Dort haben sie auf dem Dachboden die Leiche gefunden.“

Der Babenhäuser Reinhold Blaha leitet die 17 Fotowalk-Teilnehmer über das Kasernengelände. Hier zeigt er einigen von ihnen die Route.

Dann geht’s weiter zu einem alten Spielplatz. Das Klettergerüst ist verkommen. Die meisten der mit Moos bewachsenen Holzsprossen der Strickleiter sind schon gebrochen. Die Rutsche ist ebenfalls mit Moos bewachsen. Überall ist das Holz marode. An den meisten Stellen ist es gebrochen und hängt lose in der Luft, getragen nur noch von den im Boden fest zementierten Stützen. Die dunkelroten Tartanplatten auf dem Boden sind uneben, das Unkraut bahnt sich seinen Weg durch die Rillen. Auch eine Schaukel ist zu sehen. Das Gerüst steht noch, doch lange wird es wohl nicht mehr halten. Hans-Christian Beck geht zur Schaukel hin und versetzt ihr einen leichten Stoß. Die Metallscharniere quietschen, als sie vor und zurück wippt. Er eilt wieder einige Schritte zurück, geht in die Hocke und setzt die Kamera auf seiner Brille an. Mehrmals ertönt ein leises „Klick“. Dann richtet er sich auf, schaut auf das kleine Display seiner Kamera und nickt kurz.

Bilder: Tag der offenen Kaserne in Babenhausen

Das Kasernengelände ist in der ganzen Region bekannt und bietet die wohl einzigartige Möglichkeit, die von Menschenhand unbeschädigte Verwahrlosung zu bestaunen. Das Gelände ist komplett abgeriegelt, der unbefugte Zugang ist so gut wie unmöglich. „Das ist etwas Besonderes. Hier sieht man nirgendwo Graffiti oder andere Verwüstungen von Menschen“, erklärt Reinhold Blaha. Doch lange ist das nicht mehr der Fall. Tatsächlich soll auf dem rund 60 Hektar großen Gelände ein neuer Stadtteil entstehen. Von den Wohnblöcken werden zwölf stehen bleiben, deren Wohnungen von unterschiedlicher Qualität sind.

Auch in einer großen alten Lagerhalle, deren Dach an einigen Stellen schon eingerissen ist, kommt die Verwüstung ganz allein von Seiten der Natur. Überall sind kleine Löcher, nicht größer als eine Katze, zu sehen. Auf dem Boden sammeln sich schon die Pfützen. Ein modriger Geruch steigt einem beim Betreten der Halle in die Nase. Auf dem Boden liegen abgefallene Lichtschalter und Steckdosen inmitten von Staubflusen, die teilweise schon faustgroß sind. In den großen Wasserlachen auf dem Boden spiegelt sich das Sonnenlicht, das nun doch den Weg durch die Wolkendecke und die Löcher im Dach gefunden hat. Auch Leuchtstrahler, die wohl seit vielen Jahren nicht mehr eingeschaltet wurden, und teils von der Decke abhängen, kann man in den Spiegelungen der Pfütze erkennen.

Quelle: op-online.de

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