Doppel-Weltmeister

Handbike-Weltmeister will nach Tokio 

+
Dicht über dem Asphalt jagte Handbiker Vico Merklein zuletzt zu zwei WM-Titeln.

Vico Merklein aus Babenhausen blickt auf zahlreiche Erfolge mit dem Handbike zurück: Er ist Weltmeister und Paralympics-Gewinner. Jetzt hat er sich ins goldene Buch der Stadt eingetragen. 

Babenhausen-Langstadt - Ursprünglich stammt Vico Merklein aus Berlin, „es ist aber ein schönes Gefühl, dass man hier langsam angekommen ist“, sagt der 42-Jährige. Mit „hier“ meint er Langstadt, seit vielen Jahren Merkleins Heimat, die er schon allein des praktischeren Trainingsalltags wegen zu schätzen gelernt hat: „Hier kann ich meinen Sport machen, mich direkt aufs Rad setzen und losfahren. “ Wobei es aufs Rad „legen“ eher trifft: Merklein ist Handbiker, treibt sein Liegerad allein mit seinen Arme an und schmiegt sich dabei ziemlich dicht an den Asphalt. Was der Profi besser kann als fast jeder andere auf dem Globus: Vor ein paar Wochen sicherte sich Merklein bei den Weltmeisterschaften im niederländischen Emmen gleich zwei Titel – und durfte sich vor wenigen Tagen ins Goldene Buch der Stadt Babenhausen eintragen.

Babenhausen: Vico Merklein und seine Erfolge mit dem Handbike 

Seit einem Motorradunfall am Tag vor seinem 20. Geburtstag ist Merklein querschnittsgelähmt. Als 23-Jähriger begann er seine Laufbahn als Handbiker. Seit 2007 und der Aufnahme ins Handbike-Team des Rollstuhlherstellers Sunrise Medical („Team Sopur Quickie“) nahm die Karriere richtig Fahrt auf. Mittlerweile ist der Langstädter hochdekoriert, eine Inspiration für viele andere Ausdauersportler mit und ohne Handicap – und seit 2016 im Olymp angekommen.

Damals gewann er das Straßenrennen der Handbiker bei den Paralympics in Rio, Empfang am Langstädter Ochsenstad’l mit Präsentation der Goldmedaille inklusive. Bronze im Zeitfahren hatte Merklein ebenfalls mitgebracht. Eine Duftmarke auch deshalb, weil Merklein zuvor noch nie Weltmeister geworden war: Fünfmal, davon dreimal im Straßenrennen und zweimal im Zeitfahren, hatte er sich bis dato mit WM-Silber begnügen müssen. „Ich habe quasi die WM übersprungen und erst in Rio Gold geholt“, lächelt der Athlet. Was er nun gleich zweifach nachholte.

Einerseits seien die Titel bei den jüngsten Weltmeisterschaften irgendwie logisch gewesen: „Ich wusste ja, wie viel ich dafür gemacht hatte. Auch meine Freundin hat mir gesagt, dass ich noch mehr trainiert hätte als vor den Paralympics 2016.“ Was in dieser Saison mit 20 000 Kilometern gleichzusetzen ist, gefahren mit 80 Umdrehungen pro Minute. Die enorme Kraft-Ausdauer-Leistung von Armen und Oberkörper explodiert in der Regel auf Trainingsstrecken, die über Obernburg, Höchst, Breuberg und den Groß-Umstädter Stadtteil Dorndiel führen: „Am Berg holt man sich die Kraft.“ Im Schnitt ist Merklein mit einem Trainingstempo von 30 Stundenkilometern unterwegs.

Eintrag ins Goldene Buch: Im Beisein des Magistrats mit Bürgermeister Joachim Knoke (rechts) wurde Vico Merklein diese Ehre zuteil. Foto: p

Andererseits hätte man noch vor zwei Jahren kaum mehr einen Pfifferling auf weitere sportliche Weihen des Langstädters gesetzt. Nach Gold in Rio musste Merkleins rechte Schulter operiert werden. „Ich hatte ein Jahr lang Schmerzen“, blickt er zurück. „Ich dachte selbst nicht, dass ich noch mal wieder komme.“ Während für die meisten Handbiker mit dieser Blessur die Karriere vorbei sei, kam der Wahl-Babenhäuser wie Phoenix aus der Asche zurück: 2018, endlich wieder schmerzfrei, wurde er WM-Dritter im Straßenrennen.

Babenhausen: Vico Merklein holt Weltmeister-Titel und ist Paralympics-Gewinner

Vor ein paar Wochen war Merklein bei den „Para-Cycling Road World Championships“ weder im 66 Kilometer langen Straßenrennen noch im Zeitfahren über 21 Kilometer zu schlagen. Der Handbiker steht voll im Saft und wird Langstadt wohl bei den Paralympics in Tokio vertreten. Bis dahin muss er die rein sportliche Seite und darüber hinaus die organisatorischen und finanziellen Herausforderungen weiter meistern. Als Trainer fungiert Ralf Lindschulten, der in Hannover lebt, dank eines wattgesteuerten Messsystems am 20 000-Euro-Rad aber über jeden Trainingsstand informiert ist.

Seinen Lebensunterhalt bestreitet Merklein insbesondere aus Mitteln der Stiftung Deutsche Sporthilfe, des Behindertensportbunds und des Landes Niedersachsen. Beim dortigen GC Nendorf hat er seine Radlizenz. Reich wird der Handbiker trotz seines außergewöhnlichen Niveaus nicht: „Ich kann vom Sport leben, aber nichts auf die hohe Kante legen.“ 

Zweigleisig fahren, etwa parallel eine Arbeit oder ein Studium aufnehmen, sei angesichts der immer professioneller betriebenen paralympischen Disziplinen jedoch kaum möglich: „Das ist schwer, denn die Konkurrenten machen nichts anderes außer Sport.“ Die ein oder andere Entbehrung muss Vico Merklein ergo auf sich nehmen, schluckt die aber ganz bewusst: „Als Leistungssportler ist man halt ein bisschen bekloppt!“   Von Jens Dörr

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare