Noch keiner vom Baum gefallen

Asha Scherbach stellt ihr Konzept einer Waldkita vor

Asha Scherbach

„Spielzeugfrei und immer draußen“ sind die beiden Kriterien, die einen Waldkindergarten von den meisten anderen Einrichtungen unterscheiden.

Babenhausen – In Harpertshausen soll Ende Oktober ein solcher Freiluft-Kindergarten mit 20 Plätzen für Kinder ab drei Jahren an den Start gehen. Die ausgebildete Erzieherin, Psychologin und Waldorflehrerin Asha Scherbach von der „SenseAbility-Academy“, die freie Trägerin der Einrichtung sein wird, informierte am Mittwochabend in der Stadtmühle über ihr Konzept für „Die bunten Vielfalter Babenhausen“ und beantwortete die Fragen der rund 60 Zuhörer. Überwiegend interessierte Eltern füllten den Saal, aber auch eine Reihe Kommunalpolitiker.

„Wir verfolgen das Thema Waldkindergarten eigentlich schon seit 2013“, sagte Regina Lange, Leiterin des städtischen Fachbereichs „Familie und Soziales“. Man wolle mit diesem neuen Angebot zum einen dem Mangel an Kitaplätzen entgegenwirken und zum anderen für mehr Angebotsvielfalt sorgen. Derzeit gibt es als Alternative zu den städtischen Kindertagesstätten unter ASB-Trägerschaft nur den evangelischen Kindergarten.

20 Interessenten auf der Vormerkliste

Das soll sich jetzt ändern. Voraussetzung dafür ist die Betriebserlaubnis durch das Jugendamt, die in Bearbeitung sei, so Lange, und der Vertrag zwischen der Stadt und der „SenseAbility-Academy“, der in Abstimmung sei. Natürlich müssen sich auch genügend Eltern für das alternative Betreuungsangebot interessieren. Aber das scheint kein Problem zu sein. Die beim Info-Abend anwesenden Eltern hatten eher Bedenken, keinen Platz für ihr Kind zu bekommen.

Scherbach ist freie Trägerin der Waldkita.

„Wir haben bereits über 20 Interessenten auf unserer Vormerkliste, darunter aber auch Eltern mit kleineren Kindern“, sagte Lange. Für diese Form der Voranmeldung auf einer Liste wurden Formulare verteilt. Man kann sie auch im Internet über die Homepage der Trägerin herunterladen. „Aber das sind noch keine festen Anmeldungen“, wurde betont. Erst der Vertrag zwischen den Eltern und der Trägerin sei die endgültige Anmeldung. Bei diesem Punkt musste Scherbach die Eltern, von denen viele am liebsten gleich Nägel mit Köpfen gemacht hätten, noch vertrösten. „Vertragsgespräche führe ich erst, wenn ich die Betriebserlaubnis in der Hand habe. Das wird wohl in zwei, drei Wochen soweit sein“.

„Die Natur ist keine Komfortzone"

Scherbach, die seit 18 Jahren Expertin für Naturkindergärten ist und viele Jahre unter dem Dach der Awo Waldkindergärten gegründet und geleitet hat, ist seit eineinhalb Jahren selbstständig. Sie erläuterte überzeugend die Vorteile des überwiegend freien Spiels mit Naturmaterialien, die die Fantasie und Kreativität anregen. „Die Dinge, die die Kinder vorfinden, beispielsweise ein Tannenzapfen oder ein Ast, haben – anders als eine Playmobilfigur oder ein Feuerwehrauto – nichts Eindeutiges. Sie können alles Mögliche darstellen. Diese Uneindeutigkeit regt die Kinder auch zum Reden an und fördert ihre Eloquenz.“

Auch dass die Knirpse Wind und Wetter ausgesetzt seien, gehöre zum Plan. „Die Natur ist keine Komfortzone. Ihr Kind soll frieren, wird nass und spürt eisigen Wind. Diese Widrigkeiten der Natur gilt es zu überwinden. Das macht widerstandsfähig und fördert die Resilienz.“ Natürlich gebe es für bestimmte Wettersituationen, beispielsweise starke Stürme, Notprogramme und Schutzräume. In Harpertshausen können die Kinder das DRK-Heim und das umliegende, freie Gelände benutzen. Basisstation und morgendlicher Treffpunkt wird ein Bauwagen sein, der über den Richer Weg aus Harpertshausen kommend, vom Waldrand aus etwa 90 Meter im Forst aufgestellt wird. Sanitäre Anlagen gibt es nicht. Mit Wasser aus einem Kanister werden die Hände gewaschen und das große und kleine Geschäft wird im Wald verrichtet.

Scherbach sprach über Regeln und Rituale und über die feste Struktur des Tages, die den Kindern Sicherheit gebe. Auch künstlerische Aktivitäten und Singen, ebenso wie Vorlesen und verschiedene Projekte kommen nicht zu kurz.

Die Eltern hatten nach dem Vortrag viele Fragen, beispielsweise über das Betreuerteam, das noch zusammengestellt wird, die Platzvergabe, das Essen, die Eingewöhnung oder auch die Sicherheit, um die es laut Unfallkasse Hessen, so Scherbach, im Wald sogar besser bestellt sei. „Die Kinder fallen und stolpern hier auch, aber sie fallen weicher. Ich habe in 18 Jahren drei kleinere Unfälle erlebt. Aber noch nie – und das ist ja die Angst vieler Eltern – ist jemand vom Baum gefallen.“

VON PETRA GRIMM

Quelle: op-online.de

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