Streik

"Eine Welle der Solidarität" - Riesige Demo gegen Stellenabbau bei Continental

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Statt erwarteter rund 1500 Teilnehmer berichtet die Polizei von knapp 2000. Viel Solidarität kam von Politikern und anderen Conti-Standorten aus ganz Deutschland.

Viel mehr Menschen als im Vorfeld erwartet demonstrierten laut und entschlossen in Babenhausen vor dem Werkstor von Continental. Das Unternehmen hat die Absicht, Tausende von Arbeitsplätzen abzubauen. 

Babenhausen - Und sie wurde größer, als von Betriebsrat und IG Metall erhofft: Statt der erwarteten 1500 Teilnehmer waren es laut Polizeieinsatzleitung rund 2000, die den beeindruckenden Protestzug bildeten. In ihre Reihen hatten sich auch viele politische Mitstreiter begeben. Auch Delegierte anderer Continental-Standorte waren angereist, den Kollegen ihre Solidarität gegen die Konzernleitung zu versichern.

Laut ging es zu und schrill. Der Slogan gegen die Absicht von Continental, 2200 Arbeitsplätze am Standort Babenhausen abzubauen, er dürfte noch langen Nachhall haben: „Was machen wir? Wir bleiben hier!“. Er gellte tausendmal durch die Stadt, abwechselnd mit „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut.“ Gut, der Spruch war auch geklaut. Aber zutreffend und aus allen Seelen wütend in die Welt gebrüllt.

Babenhausen: Eine Welle der Solidarität

Schon vor dem Abmarsch war zu erkennen, dass die Demo mächtig wird. Continental-Delegationen kamen etwa aus den Standorten Hannover, Rödelheim, Karben, Roding oder Wetzlar. Von Opel war eine Abordnung da, die stimmgewaltig Solidarität gelobte. Und zahlreiche Politiker und Betriebsrätler marschierten mit, zur Abschlusskundgebung vor den Werkstoren ihren Unmut über die unverständliche Entscheidung Continentals zum Ausdruck zu bringen. Der Aufmarsch endete mit lauten ACDC-Kängen: Hells Bells. Und die Ohren dürften bis in die letzte Chefetage des gescholtenen Konzerns gelungen haben.

Babenhausens Betriebsratsvorsitzender Roland Weihert strahlte „wie ein Honigkuchenpferd“ ob des Demo-Zuspruchs, bevor er wütend den Vorstand der Continental geißelte. Die AG meine immer noch, der Stellenabbau in Babenhausen gehe geräuschlos vonstatten: „Spätestens jetzt sieht er, dass dem nicht so ist.“ Weihert erinnerte an die Ergänzungstarifverträge und Belegschaftsopfer: Auf weit über 100 Millionen Euro an Lohnzahlungen habe man verzichtet, ebenso auf Weihnachts- und Urlaubsgeld. Um die höchstmöglichste Flexibilisierung und Produktivität des Werkes zu erreichen, habe man allen Schichtmodellen, Sonn- und Feiertagsarbeiten zugestimmt, „nur um unsere Arbeitsplätze für die Zukunft zu sichern.“ Und dies sei nun der Dank.

Die Zahlen, auf denen Continental die Stellenstreichungen begründet, sind laut Jochen Homburg, erster Bevollmächtigter der IG Metall Darmstadt, wohl eher frei erfunden, um die ungeheure Maßnahme zu begründen. Die Zahlen des Standortes Babenhausen ließen ganz andere Schlussfolgerungen zu. Er rief in die johlende Menge: „Conti presst euch aus wie eine Zitrone.“ Der Gewerkschaftler befand: „Bosch schaut hierher, Continental blickt auf Babenhausen. Jetzt sehen sie, dass es nicht billig werden wird, hier die Werkstore zu schließen.“

Babenhausen: Übergangslösungen seien wichtig für alle Einwohner

Heike Hofmann, Vizepräsidentin des Hessischen Landtages, stieß ins gleiche Horn: „Das haben die Zahlentrickser nicht erwartet.“ Sie nahm für die Vorgänge das Wort „Schweinerei“ in den Mund und versicherte: „Wir stehen an ihrer Seite.“

Erster Stadtrat Reinhard Rupprecht drückte in Vertretung des erkrankten Bürgermeisters die allgemeine Erschütterung der ganzen Stadt und seiner Gremien aus. Man halte die Entscheidung für den eklatant hohen Stellenabbau durch die Konzernleitung für stark überzogen. Die fatalen Auswirkungen träfen die ganze Stadt, erinnerte Rupprecht an die Wohnungskäufer und Häuslebauer, die auf den Standort Babenhausen vertraut hätten.

Sozialverträgliche Übergangslösungen zu schaffen, sei wichtig für alle Einwohner, denn es treffe nicht nur die Conti-Beschäftigten und ihre Familien, der gesamte Einzelhandel, die Gastronomie, ganz Babenhausen werde in große Mitleidenschaft gezogen.

Rupprecht erinnerte an den Abzug der US-Soldaten. Als sie 2007 Babenhausen verlassen hätten, habe es Jahre gedauert, bis die anziehende Konjunktur den Verlust an Kaufkraft einigermaßen wieder wettgemacht hätte: „Jetzt stehen die Zeichen nicht so gut.“

Bilder der Demo gegen Stellenabbau von Continental in Babenhausen.

von Thomas Meier

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