Umdenken beim Individualverkehr

„Critical Mass-Aktion“: Radler demonstrieren fürs alternative Fortbewegungsmittel

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„Critical Mass“ ist auch in Babenhausen angekommen. Am Wochenende setzte sich eine kleine Gruppe Babenhäuser dafür ein, mehr Rad zu fahren.

Es ist eine Sache, die Achim Knick nicht versteht. „Wenn es um die verkehrstechnische Anbindung der Kaserne geht, hört man eigentlich nie etwas von Radwegen oder wie man dort am besten oder am sichersten im Sattel hinkommt.

Babenhausen – Und das ausgerechnet in einer Zeit, in der alternative Fortbewegungsmittel immer wichtiger werden“, sagt der 59-jährige Hergershäuser. Am Samstagnachmittag setzte er mit mehr als einem Dutzend weiterer engagierter Babenhäuser Fahrradfahrer ein Zeichen, dass ein Umdenken stattfinden muss. Vor der Stadthalle machte sich die Gruppe zu einer rund zehn Kilometer langen Runde in und um die Stadt auf.

Als Vorbild diente die Aktion „Critical Mass“, was aus dem Englischen übersetzt „kritische Masse“ bedeutet. Bei der weltweiten Bewegung treffen sich nicht motorisierte Verkehrsteilnehmer scheinbar zufällig und unorganisiert, um danach mit einer Fahrt durch die Innenstädte auf das Fahrrad als bedeutende Form des Individualverkehrs hinzuweisen. Die erste Aktion dieser Art fand bereits 1992 in San Francisco statt. Seitdem kommen immer wieder Radfahrer weltweit mehr oder weniger regelmäßig zusammen, um als konzentrierte Masse Aufmerksamkeit zu erzielen. Eine Besonderheit ist, dass es fast fast nie einen Organisator gibt. Damit werden sämtliche Haftungsansprüche ausgeschlossen. In der Regel entsteht ein Treffen samt Tour dadurch, dass eine unbekannte Person als Urheber fungiert. Diese überlegt sich einen Ort und einen Zeitpunkt und ruft dann zur Teilnahme mittels Internet oder durch Mundpropaganda auf.

In Darmstadt findet „Critical Mass“ einmal im Monat statt

Der Begriff „kritische Masse“ lässt sich dadurch erklären, dass eine Radfahrergruppe ab einer gewissen Stärke einen Verband bildet, welcher dann sogar nebeneinander strampelnd die Straße benutzen darf. Paragraf 27 der Straßenverkehrsordnung in Deutschland besagt sogar, dass mehr als 15 Personen in einem Zug über eine Kreuzung mit Ampel fahren dürfen, selbst wenn diese zwischenzeitlich Rot zeigt. „Das heißt für eine ,Critical-Mass’-Veranstaltung mit großer Teilnehmerzahl, dass Autos trotz Grün solange warten müssen, bis der letzte Radfahrer die Kreuzung passiert hat“, weiß Klaus Schmitt.

In Darmstadt findet „Critical Mass“ mittlerweile einmal im Monat und damit regelmäßig statt. „Das Radfahren muss noch viel stärker in die Köpfe der Menschen“, ergänzt Achim Knick, der sich in Hergershausen auch für das lokale Bürgermobil und damit das Carsharing engagiert. Bis 2017 gehörte der IT-Manager zu den vielen Deutschen, die dem Auto fast immer den Vorzug geben und das Rad lediglich mal für einen Ausflug im Sommer aus der Garage holen. Das Umdenken leitete bei ihm eine Fahrradtour in Frankreich ein. Neben dem Klimaschutzaspekt und den Fitnessvorteilen hat der Hergershäuser die Erfahrung gemacht, dass man auf dem Rad mit den Mitmenschen viel besser in Kontakt kommt. Nach der Tour verkaufte er sein Zweit-auto und das Motorrad gleich mit. Das Radfahren forcierte er mit der Anschaffung eines Fahrradanhängers, der auch größere Einkäufe, zulässt. Vor allem das E-Bike eröffnet laut Knick heutzutage ungeahnte Möglichkeiten: „Damit lässt sich völlig unkompliziert mal eben von Babenhausen nach Darmstadt zum Einkaufen fahren“, sagt er.

Bei wechselhaften Wetter zeigte sich die erste Babenhäuser „Critical-Mass“-Aktion in Bezug auf die Teilnehmerzahl noch überschaubar. Den meisten von ihnen ist aber daran gelegen, auch weiterhin gezielt auf das Radfahren aufmerksam zu machen und die Bevölkerung zu sensibilieren. „Auch in der Babenhäuser Politik ist dazu noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Das Thema Fahrrad findet dort bei vielen Fragen und Entscheidungen gar nicht statt“, so Knick.

Bürgermeister Joachim Knoke fuhr auch mit und unterstrich, dass die Sache seine Unterstützung findet. Nach rund einer Stunde kehrten die Radler, die ihre Runde über die Ziegelhüttenstraße, das Wohngebiet Ost und am Tierheim vorbei Richtung B 26 machten, wieder zurück. Einige Teilnehmer können sich vorstellen, zweimal im Jahr eine solche Veranstaltung in Babenhausen auszurufen. Ihnen zufolge steht noch viel Arbeit bevor, dass sich Menschen verstärkt gegen das Auto und für das Fahrrad entscheiden und nicht nur am 1. Mai,oder einem anderen Feiertagsausflug, mal in die Pedale treten. VON MICHAEL JUST 

Quelle: op-online.de

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