Alles unter Dach und Fach

Ine Reichart zeigt Kleinode der Altstadt und deren Bauweise

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„Wilder Mann“ wird das Fachwerk-Strebenkreuz genannt, vor dem Tourführerin Ine Reichart steht. Das Haus steht direkt am Hexenturm und ist das älteste Fachwerkhaus in Babenhausen. Baujahr: 1442.

Ein echtes Kleinod ist die Babenhäuser Altstadt mit ihren sich aneinander schmiegenden Fachwerkhäusern.

Babenhausen – Stattliche Amtshäuser und Adelshöfe, aber auch kleine, schiefe Bürgerhäuser – teilweise aufwendig restauriert und mit Denkmalpreisen ausgezeichnet – lassen Baugeschichte lebendig werden und zeigen handwerkliches Können vergangener Jahrhunderte. Zwei Stunden lang führte Ine Reichart durch den alten Ortskern und berichtete auch über die Arbeitsbedingungen der Zimmerleute, die diese beeindruckenden und erstaunlich „haltbaren“ Bauten geschaffen haben.

Wo Fachwerkhäuser gebaut werden, muss Holz zur Verfügung stehen. Aber es ist eine – im Gegensatz zum Blockhaus – Holz sparende Bauweise, die auch durch europäische Auswanderer bis in die USA, Südamerika und Australien exportiert wurde. Der Baustoff Holz wurde in der Babenhäuser Geschichte unterschiedlich gehandhabt, wie Reichart erläuterte. So sei in der Märkerordnung von 1355 eine recht großzügige Regelung zu finden: „Jeder durfte sein Holz selbst schlagen.“ Aber etwa 200 Jahre später habe es die Einschränkung gegeben, dass die Leute den Wald nur noch an einem bestimmten Tag in der Woche betreten durften, um Holz zu entnehmen. Ab etwa 1900 wurden in Babenhausen wie in ganz Deutschland fast nur noch Steinhäuser errichtet.

Ein wahrer Glücksfall für die Tour, die am Marktplatz startete, war das hinter der Stadtkirche gelegene Gebäude, das von den Babenhäusern in Anlehnung an eine frühere Besitzerfamilie „Rauchhaus“ genannt wird. Dieses um 1650 errichtete Haus, Am Marktplatz 8, das seit 2015 von Familie Weidmann bewohnt und restauriert wird, bot einen einmaligen Blick auf eine frei gelegte Fachwerk-Konstruktion, die wahrscheinlich in den 1930er Jahren hinter Verputz und Schindeln verschwand. „Hier findet man in den frei gelegten Gefachen sogar noch alte Getreidesorten. Denn ursprünglich wurden die mit einem Holzgeflecht gefüllten Räume zwischen den Balken mit einem Lehm-Strohgemisch beworfen. Teilweise landeten auch Tierhaare, Rinderdung oder Unkraut in der Masse, die oft in Nachbarschaftshilfe gemeinsam gestampft wurde“, erzählte Reichart. Eine Kalk- oder Mörtelschicht wurde – auch für die Haltbarkeit – darüber gegeben und schon war alles „unter Dach und Fach“.

Seltener Einblick: Das „Rauchhaus“an der Stadtkirche wird derzeit saniert. Zu sehen sind gefüllte Gefache.

Aber am eingerüsteten „Rauchhaus“, das aus nächster Nähe inspiziertwurde, sind nicht nur die ganz alten Füllungen zwischen den Balken zu sehen, sondern auch einige Gefache, die in späteren Jahrhunderten mit Felsstein und im ersten Obergeschoss mit Ziegeln und Lehm vermauert wurden. Der Verputz aus den 1930er Jahren, der mit Hilfe von Rabitzdraht aufgebracht wurde, hängt an einigen Stellen in kleinen Stücken auch noch an der Fassade. So ist ein wildes bauhistorisches Materialpotpourri zu bestaunen – eine Art geöffnetes Zeitfenster.

In direkter Nachbarschaft, Am Marktplatz 6a, ist eine weitere Besonderheit zu entdecken, nämlich ein Fachwerkhaus aus dem Jahr 1688, das ursprünglich in Langstadt stand und 1980 in Einzelteile zerlegt an seinen jetzigen Standort verpflanzt wurde. In diesem Schmuckstück war vor einigen Jahren auch die Lokalredaktion der Offenbach-Post zuhause.

Vom Marktplatz aus mit seinen stattlichen und reich verzierten Bürgerhäusern, Fahrstraße 24 und 26, führte die Tour die rund 20 Teilnehmer in die Schlossgasse. Hier ist die alte Apotheke aus dem Jahr 1774 mit den geschnitzten Heilpflanzen an der Außenfassade ein Blickfang. „In Babenhausen ist das sogenannte fränkische oder mitteldeutsche Fachwerk zu sehen“, erklärte Reichart.

In Deutschland gab es zwei Arten der Verzimmerung. So reichten bei der älteren, etwa bis 1460 üblichen mittelalterlichen Bauweise (Ständerbau) die Eckpfosten oder Wandständer in einem Stück von ganz unten bis ganz nach oben. Danach folgte die sogenannte Stockwerksbauweise (Rähmbau), bei der kürzere Balken miteinander verbunden wurden und jedes Stockwerk in sich abgeschlossen gebaut wurde. Auslöser dieser Weiterentwicklung könnte Holzmangel im Umfeld wachsender Städte gewesen sein. „Es gab einfach nicht so viele lange Eichenpfosten“, sagte Reichart. Außerdem war der Transport der kürzeren Balken auch einfacher und man konnte höher bauen. Schließlich wurde der Platz innerhalb der Stadtmauern irgendwann knapp.

„Fränkischer Mann“ am Pfarrhaus.

Weiter ging es durch die Backhausgasse mit dem beeindruckenden Pfarrhaus, durch die Neugasse und die Amtsgasse mit den schmucken Herrenhäusern und dem Territorialmuseum, ein früheres Gayling’sches Amtshaus von 1555, durch das Gässchen „Am Hexenturm“.

Hier endete die Tour an der Hausnummer 22, am offiziell ältesten Babenhäuser Fachwerkhaus aus dem Jahr 1442 direkt neben dem Hexenturm. Unterwegs hatten die Teilnehmer auch jede Menge Details über Verzierungen oder auch eine häufig vorkommende Form des Strebenkreuzes, den sogenannten „Mann“, erfahren. Diese Figur ist in der Altstadt in verschiedenen Varianten, als „halber Mann“, „wilder Mann“ oder auch als „fränkischer Mann“, zu sehen.

VON PETRA GRIMM

Quelle: op-online.de

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