Bewegte Geschichte

Neue Leit- und Stellwerktechnik: Geschichte von historischem Bahnhof wird fortgeschrieben

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Blick auf die Ostseite des Bahnhofsgebäudes im Jahre 1973. Im hervorstehenden Gebäudeteil war das Stellwerk untergebracht (Quelle: Stadtarchiv Babenhausen).

Schon bald rücken Baumaschinen für Sanierungs- und Erneuerungsarbeiten am Bahnhof Hergershausen an. Die Bahn investiert in Strecke und Technik. Grund genug, an die Historie der Station zu erinnern.

Babenhausen - Man schrieb das Jahr 1858, als am 27. Dezember die ersten fahrplanmäßig verkehrenden Personenzüge zwischen Darmstadt, Babenhausen und Aschaffenburg dampften. Am Dorf Hergershausen fuhren die Züge allerdings fast 40 Jahre ohne Halt vorbei, denn die Station wurde erst kurz vor der Jahrhundertwende errichtet und im Mai 1898 war es dann soweit.

Vorausgegangen waren zahlreiche Verhandlungen zwischen Handwerkern und Viehhändlern mit dem Gemeinderat, aber dieser blockierte lange Zeit eine Realisierung. Erst Anfang der 1890’er Jahre gab es konkrete Gespräche und schließlich wurde 1896 mit dem Bau des Bahnhofs begonnen.

Es wurde nördlich des Gleiskörpers eine kleine Station mit Güterschuppen erstellt, wie es seinerzeit im preußisch-hessischen Eisenbahngebiet häufig anzutreffen war, schlicht, einfach und funktionell. Der Bahnhof Hergershausen liegt auf einer Höhe von 142 Meter über dem Meer an der zweigleisigen Hauptbahnstrecke Wiesbaden – Mainz – Darmstadt – Aschaffenburg. Am Pfingstdienstag 1898 wurde das Gebäude eingeweiht und bestand weitgehend unverändert bis zum Abriss 1974.

Es war ein Fachwerkbau, dessen Gefache mit Backsteinen ausgemauert waren. Im Erdgeschoss befanden sich ein Warteraum, die Fahrkartenausgabe und das Stellwerk und daneben die Güterabfertigung. Rund 200 Meter westlich des Bahnhofs erbaute die Raiffeisengenossenschaft eine Lagerhalle, die über einen Gleisanschluss verfügte. Hier wurden bis etwa 1980 Güterwagen mit Düngemitteln und Kohlen zur Entladung bereitgestellt.

Eine Fahrkarte 3. Klasse von 1955 für 30 Pfennig. 

Innerhalb des Bahnhofsbereiches von Hergershausen befindet sich heute nur noch der Bahnübergang (BÜ) 77. Bis 1971 leierten die Männer die Schranken noch mit einer Kurbel hoch und runter. Ebenfalls hatten die Schrankenwärter die Aufgabe, die Verladung von Gepäckstücken und Expressgut zu übernehmen. Heute werden die Schranken des BÜ 77 elektrisch angetrieben und vom Zug über Kontakte in den Gleisen ein- und ausgeschaltet. Am westlichen Bahnhofsende befand sich der BÜ 76, wo die frühere Verbindungsstraße von Harpertshausen nach Hergershausen die Bahngleise querte. Heute zeugt noch ein illegaler Fußweg über die Schienen davon.

Mit dem Bau des Bahnhofs 1898 wurden insgesamt vier Gleise angelegt. Zum einen erhielt das Richtungsgleis Aschaffenburg – Darmstadt die Nummer 1 und einen 165 Meter langen Bahnsteig sowie das Gleis nach Aschaffenburg, die Nummer 2 mit einem 200 Meter langen Bahnsteig. Beide waren direkt neben dem Bahnhofsgebäude platziert. Südlich von Gleis 2 befand sich das Überholungsgleis 3 und am Güterschuppen im Gleis 104 war Platz für drei Güterwaggons.

Nachdem im Babenhäuser Bahnhof am 20. Mai 1968 ein neues elektrisches Stellwerk in Betrieb genommen wurde, dauerte es noch rund zwei Jahre, ehe auch in Hergershausen die moderne Technik Einzug hielt. Ein neuer 205 Meter langer Außenbahnsteig für die Züge Richtung Aschaffenburg östlich des Bahnübergangs wurde gebaut und die Schranken erhielten elektrische Antriebe, sodass auch der Arbeitsplatz des Schrankenwärters von nun an Vergangenheit war.

Eine Regionalbahn der HLB verlässt am 16. April 2019 den Haltepunkt Hergershausen mit Ziel Darmstadt. Auf dem Grünstreifen im Bildvordergrund befand sich bis 1970 das Gleis 3.

Die Zugfahrten von Hergershausen nach Darmstadt oder Aschaffenburg dauerten in den ersten sechs Jahrzehnten wesentlich länger als in der Zeit danach. Mit der Inbetriebnahme des elektrischen Zugverkehrs am 9. Mai 1960 erfolgte eine spürbare Fahrzeitverkürzung. Die zulässige Höchstgeschwindigkeit liegt seitdem bei 120 Kilometer pro Stunde. Mit dem Einsatz der antriebsstarken und schnell beschleunigenden Triebzüge der Baureihe 1440, Typ Coradia Continental, seit 9. Dezember 2018 sind die Fahrzeiten noch mal geschrumpft. Benötigte der Zug 1933 für die 26 Kilometer lange Strecke von Darmstadt nach Hergershausen noch 38 Minuten, so sind es heute 15 Minuten weniger.

Noch bis Ende 2020 erneuert die Deutsche Bahn die Infrastruktur auf der Bahnlinie zwischen Darmstadt-Kranichstein und Babenhausen. Derzeit laufen die vorbereitenden Arbeiten für die Ausrüstung der Strecke mit elektronischer Stellwerkstechnik. Der Beginn der Arbeiten an der Leit- und Sicherungstechnik ist für Anfang des Jahres vorgesehen und auch in Hergershausen werden dann die Baumaschinen anrücken. Bei den Erneuerungen werden unter anderem die Signale ausgetauscht und neue Weichenantriebe eingebaut. So bleibt zurzeit noch ein offener Punkt für die Haltestelle Hergershausen: Die Sanierung der Bahnsteige mit gleichzeitiger Herstellung barrierefreier Zugänge.

VON WALTER KUTSCHER

Quelle: op-online.de

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