Bei „Das bin Ich!“ erzählt Leonard Rottok

Auf den Spuren des Vaters

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Der Autor in einer Filmszene beim Interview mit Weggefährten seines Vaters.

Babenhausen - Der Berliner Filmemacher Leonard Rottok zeigte in der Erzählcafé-Reihe „Das bin Ich!“ im Jugendzentrum seinen autobiografischen Film und stand für Fragen zur Verfügung. Von Michael Just 

„Dirk war ein Genießertyp, der sehr facettenreich auftrat und dabei auch Sinn für Skurriles und Absurdes hatte. Seine Höflichkeit und Freundlichkeit kam als wunderbarer Gastgeber zum Ausdruck oder dass er vor dem Schlafengehen für sich und seine Partnerin Zahnpasta auf die Zahnbürste machte. Stets wirkte er frei, ohne dabei den Inbegriff von brav zu vermitteln.“ Das sind nur ein Teil jener Erkenntnisse, die Leonard Rottok lange Zeit nicht über seinen Vater wusste. Der heute 29-Jährige hat seinen Vater nie richtig kennengelernt: Als er drei Jahre alt war, starb dieser an Krebs.

Vor zwei Jahren machte sich der gebürtige Frankfurter, der im Taunus aufwuchs, gezielt auf die Spuren des Vaters, um über die Mitteilungen seiner Mutter hinaus mehr über einen Menschen zu erfahren, den er nie richtig kennenlernen durfte. Über die Begegnung mit dessen Weggefährten und die erlangten Ergebnisse entstand sogar ein Film. Der Titel: „Mein Vater“. Nun wurde das 56-minütige Werk im Rahmen des Erzählcafés „Das bin Ich!“ der Babenhäuser Kinder- und Jugendförderung im Juz gezeigt. Danach bestand die Möglichkeit zum Gespräch mit Leonard Rottok, der nach seinem Studium der Kulturwissenschaft als Filmemacher in Berlin lebt.

„Ich wollte vor allem herausfinden, was für ein Mensch mein Vater war“, beschreibt Rottok die Intention zur außergewöhnlichen Recherche. Die führte ihn unter anderem zur ersten Liebe seines Vaters, zu Schulkameraden, dem Hausarzt oder dem ehemals besten Freund, der heute in den USA lebt. Sogar ein Trip ins englische Stonehenge wurde umgesetzt. Hier sind besonders emotionale Momente von seinem Vater überliefert. Wie Rottok bedauert, habe er stets persönliche Worte des Abschieds von seinem Vater an ihn und die Schwester vermisst. „Ein paar Zeilen des Bedauerns, dass er nicht mehr Zeit mit uns hatte oder ein paar Wünsche für den weiteren Lebensweg hätten mir gutgetan“, berichtet der 29-Jährige und ergänzt, dass er vielleicht weniger die Person und die Persönlichkeit des Vaters vermisst habe als vielmehr die Erfahrungen, die Söhne mit ihren Vätern, etwa beim Fußballspielen, machen.

Der Kontakt von Rottok zur Babenhäuser Jugendförderung kam über das Jugendbildungswerk Darmstadt-Dieburg zustande. Es unterstützt als Partner das Erzählcafé der „JuFö“ genauso wie das Bachgaugymnasium und das Büro für Erinnerungskultur Babenhausen. Seit 2016 fand das Erzählcafé bereits sechsmal statt und reflektierte dabei Themen wie Flucht, Religion, Heimat Meinungsfreiheit oder Sport. Allen Terminen ist gemein, dass es einen oder mehrere Erzähler gibt, die über die Höhen und Tiefen des Lebens aus erster Hand berichten. Dadurch entsteht besondere Authentizität.

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„Der Zuspruch zu den Terminen war wechselhaft. Mal war er sehr gut, dann wieder nur befriedigend“, weiß Babenhausens Stadtjugendpfleger Michael Spiehl. Wie er ergänzt, sei der Anspruch des Erzählcafés hoch, weshalb man sich vor allem ältere Jugendliche als Besucher wünscht. Aus diesem Grund resultiere auch die Zusammenarbeit mit dem Bachgaugymnasium. Schüler von dort nähmen das Erzählcafé aber nicht immer wahr. „Vielleicht legen wir die nächste Veranstaltung einmal direkt in die Schule“, so Spiehl.

Der Besuch von Leonard Rottok kristallisierte sich schnell als ein Höhepunkt in der bisherigen Reihe heraus. Der Wahl-Berliner führte nicht nur Regie, sondern stand als Protagonist und damit Spuren-Sucher auch selbst vor der Kamera. Ebenfalls interessant: Das Werk war als Road-Movie mit vier Freunden gestaltet, die die Mosaik-Arbeit des Autors unterstützten. Wie der Film mit zunehmender Spieldauer offenbarte, führt die Reise Rottoks nicht nur zum Vater, sondern letztlich auch zu sich selbst. Einmal entsteht sogar Kritik am Vater, als herauskommt, dass dieser nicht in der Lage war, mit anderen Menschen über seinen nahen Tod zu sprechen. „Wer war mein Vater? Das wird sich wohl nie ganz klären lassen und er wird immer nur Vergangenheit sein“, lautete ein Resümee des Films. Aus ihm zog der Autor aber auch Kräfte: „Es war nicht leicht, aber ich habe es geschafft, alleine groß zu werden. Dazu habe ich keine Angst mehr vor dem Tod.“

Quelle: op-online.de

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