25 Jahre Mauerfall

„Demokratie ist wertvoll“

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Zum 50. Jahrestag des Mauerbaus konzipierte Michael Gremler (links hinten) vor wenigen Jahren mit seinen Schülern eine Ausstellung zur Berliner Mauer.

Babenhausen - „Am 13. August 1961 sicherten die Kampftruppen der Arbeiterklasse die Grenze nach West- Berlin und wehrten damit eine gefährliche Bedrohung des Friedens und unseres sozialistischen Staates ab. Von Michael Just 

Die herrschenden Kräfte in der BRD und anderer kapitalistischer Staaten erlitten eine schwere Niederlage.“ Diese Zeilen musste Michael Gremler als Schüler der 4c Mitte der 80er Jahre in sein Heimatkunde-Heft zum Mauerbau schreiben. „Das hat man uns diktiert. Damit bekamst du schon als Kind die gesamte Ideologie ab“, sagt der 36-Jährige, der dem Schulstoff der DDR ein viertel Jahrhundert später eine heitere Seite abgewinnt: „Wenn du das heutzutage jemand zeigst, ist dir immer die komplette Aufmerksamkeit sicher.“

Teilnehmerheft zur Feriengestaltung in der DDR.

Der Schüler von damals, der zu jener Zeit mit seinen Eltern in Thüringen nur wenige Kilometer von der Zonengrenze wohnte, ist heute Lehrer am Bachgaugymnasium in Babenhausen. Als sich der Eiserne Vorhang öffnete, war er elf Jahre alt. Im Gedächtnis haftet noch, wie seine Eltern gleich nach der Reisefreigabe an einem kalten Novembertag den ersten Grenztrip nach Witzenhausen in Hessen unternahmen. Der Tag blieb vor allem deshalb in Erinnerung, weil man über Stunden hin und zurück im Stau stand. Für das Begrüßungsgeld wurde, wie Gremler sagt, „typisch“ eingekauft. Als die DDR noch existierte, betrachte seine Familie den Arbeiter- und Bauernstaat kritisch, traute sich jedoch nicht, wie so viele, ihre Meinung offen zu sagen. „Innerlich illoyal“, nennt es Gremler heute. Ihre Vorbehalte machte die Familie aber durch ihre Teilnahme an den Montagsgebeten im benachbarten Dingelstädt deutlich.

Auch 25 Jahre danach nicht abgehandelt

Später studierte Michael Gremler Geschichte und Deutsch in Göttingen. Durch seine Herkunft und seinen Beruf ist es dem Lehrer wichtig, dass die DDR auch 25 Jahre nach dem Mauerfall nicht abgehandelt ist. Sie dient für ihn als Mahnung und als Verständnis, wie wertvoll Demokratie ist. Regelmäßig versucht er deshalb, die deutsch-deutsche Vergangenheit am Bachgaugymnasium punktuell in den Mittelpunkt zu rücken. 2011, zum 50. Jahrestag des Mauerbaus, konzipierte er mit 20 Schülern seines Geschichts-Leistungskurses eine Ausstellung in der Stadthalle. In diesem Jahr bot er in der Projektwoche das Thema „Jugendopposition in der DDR“ an. Darin kamen unter anderem die Jugendwerkhöfe vor, in die systemkritische Jugendliche, nachdem man sie ihren Eltern entzogen hatte, gefängnisähnlich interniert wurden.

Laut Gremler verfügt das Gros seiner Oberstufenschüler über ein bestimmtes Hintergrundwissen zum Thema: „Man weiß, wie zu den zwei Staaten und zur Wiedervereinigung kam.“ Über die Ausformung des totalitären Systems, oder den Alltag der Menschen, sei aber nur wenig bekannt. Das kulturelle Profil des Bachgaugymnasiums macht es dem Lehrer leicht, die deutsch-deutsche Vergangenheit aufzuarbeiten. „ Projektideen oder der Besuch von Zeitzeugen, die vor dem kompletten Jahrgang sprechen, werden nicht nur zugelassen, sondern gefördert“, lobt er.

Und mit welchen Gefühlen betrachtet Michael Gremler die Feierlichkeiten an diesem Wochenende in Berlin? „Vor allem mit Nachdenklichkeit. Es stellt sich die Frage, inwieweit sich der Wille realisiert hat, mental ein Volk zu sein“, sagt der Pädagoge. Zwar stehe seine Person dafür, dass es funktioniert hat und funktionieren kann, trotzdem seien immer noch Gräben evident.

Für den 36-Jährigen wird die Zeit ein wichtiger Faktor spielen, dass Bezeichnungen wie „Ossi“ und „Wessi“ verschwinden und jüngere Generationen problemlos zusammenwachsen. Parallel berge die Zeit aber auch die Gefahr, dass die Lehren aus dem DDR-Staat aus den Köpfen rücken. Das gelte es zu verhindern.

Quelle: op-online.de

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