Norbert Biba will mit mobilem Nachbau auch in Babenhausen über Apartheid informieren

Mit Kerkerzelle Mandelas gegen Rassismus

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Die Lebensgefährtin von Norbert Biba vor der Nelson-Mandela-Zelle in Florenz. Die Schaffung einer ähnlichen Konstruktion schwebt ihm ebenfalls vor.

Zwei kleine Fenster, eine winzige Fläche von 2,59 MAL 2,30 Meter, dazu eine Matte als Bett, ein Tischen und ein Eimer für die Notdurft: So sah die Gefängniszelle von Nelson Mandela aus.

Babenhausen –18 seiner 27 Jahre der Gefangenschaft verbrachte der südafrikanische Kämpfer für Freiheit und gegen Rassismus, der später der erste schwarze Präsident am Kap wurde, unter diesen menschenunwürdigen Umständen. Heute vermittelt die Zelle auf der Insel Robben Island vor Kapstadt nachhaltig die Botschaft von Nelson Mandela, „dass niemand geboren wird, um einen anderen Menschen wegen seiner Hautfarbe, Religion und ähnlichen Hintergründen zu hassen“. Seine Enkelin Ndileka bezeichnete die Zelle später als Symbol der Hoffnung. Eine Ansicht, die auch der Babenhäuser Norbert Biba teilt. Mit der Geschichte des einstigen Apartheid-Regimes in Südafrika, das die Menschenrechte aufs Tiefste ignorierte, ist der 61-Jährige gut vertraut: rund 15-mal führte ihn sein Weg bereits in das außergewöhnliche Land.

Die ersten Kontakte von Biba zur Anti-Apartheid-Bewegung entstanden durch Zufall in den 1980er-Jahren in London. Dort organisierte sich der Widerstand. In Südafrika selbst hätte eine Inhaftierung gedroht. „Damals bin ich in die Materie reingewachsen“, erklärt der Autoglaser, der in Frankfurt arbeitet. Nach dem Ende der Rassentrennung zu Beginn der 1990er-Jahre beteiligte er sich an temporären Ausstellungen, darunter 2006 im Apartheid-Museum in Johannesburg oder auf Robben Island. Die Diskriminierung der dunklen Bevölkerung war zuvor derart strikt, dass es für Schwarze und Weiße unterschiedliche Plätze in Bussen oder Restaurants gab. Selbst in Parks existierten speziell ausgewiesene Bänke. Schwarze, die die Vorgaben brachen, erwarteten harte Strafen. Besonders grotesk waren die Hinweisschilder. Auf die Bänke für Weiße schrieb man „Nur für Europäer“, weil Menschen mit dieser Herkunft in der Regel hellhäutig sind. Auf diese unterschwellige Weise wurde eine offene Diskriminierung umgangen.

Für Biba war es stets ein Anliegen, die Lehren dieser Zeit nach Europa und Deutschland zu transferieren. Damit sich junge Menschen präventiv mit Rassismus beschäftigen, initiierte er vor fünf Jahren eine Kooperation mit der Frankfurter Heinrich-Kleyer-Schule. Im Unterricht bauten die Schüler als Denkanstoß sogar eine Bank, die die Gesellschaft in Klassen unterteilt. Die eine Seite war schwarz, die andere weiß. Ungewöhnlich die Schilder: „Nur für Europäer“, stand auf der dunklen, „Nur für Schweizer“ auf der hellen Seite. „Damals stimmte die Schweiz gerade über neue Zuwanderungsgesetze ab. Die Schüler sponnen die Grundidee auf interessante Weise weiter“, erklärt Biba.

Norbert Biba (rechts) mit Pater und Autor Anselm Grün. Auf der Frankfurter Buchmesse stehen sie hinter der Anti-Rassismus-Bank. Fotos: mj

Auch wenn das Schulprojekt längst abgeschlossen ist, befindet sich die Bank bis heute als Mahnmal „on tour“. Dafür sorgt der Babenhäuser und hat diesbezüglich sogar eine eigene Website einrichten lassen. In den letzten Monaten stand das Exemplar vor oder in Kirchen, Buchhandlungen, Fachhochschulen, Geschäften oder bei Veranstaltungen. Stets bleiben Passanten und gucken näher hin, da die Bank nicht primär zum Setzen ist. Selbst auf der Frankfurter Buchmesse war sie bereits zweimal präsent. „Interessenten können das Werk gerne sowohl für einen Tag als auch für mehrere Wochen ausleihen. Die Nachfrage ist gut“, sagt Biba.

Der 61-Jährige Gewerkschafter war immer sozial interessiert und in puncto Menschenrechte aktiv. Als Ausstellungskurator brachte er sich engagiert ein. Eine Verbindung hat er auch zum Nordirland-Konflikt, der 1972 in der Stadt Derry mit dem „Blutsonntag“, den die Band U2 im Stück „Bloody Sunday“ besingt, einen traurigen Höhepunkt erlebte. Der Brexit verschafft dem Konflikt gerade wieder Aktualität. In Derry stellen elf große Wandbilder in der Rossville Street eine Touristenattraktion dar. Die Werke der Bogside Artists sind eine Hommage für Freiheit und Bürgerrechte. Auf Banner kopiert, besitzt Biba zwei Motive davon, darunter eine große Friedenstaube. Sie lassen sich ebenfalls ausleihen.

Besorgt zeigt sich der Babenhäuser über die gegenwärtige Zunahme von Rassismus in der Gesellschaft. So setzt er sich für die deutsche Übersetzung des Werkes von Juliette Peires ein, die mit dem Titel „Nach Rasse regieren – Nazi-Deutschland und das Apartheid-Regime Südafrikas“ eine Publikation herausbrachte, die ideologische Parallelen untersucht und verdeutlicht. Um an den großen Freiheits- und Anti-Rassismus-Kämpfer Nelson Mandela zu erinnern, schwebt Biba vor, dessen einstige Zelle reproduzieren zu lassen. Die Idee wurde bereits in einer sechswöchigen Ausstellung im Pariser Rathaus und als Dauerschau im Nelson Mandela Forum in Florenz umgesetzt. Mit seiner gläsernen Form will der Glaskasten in Italien daran erinnern, dass Mandela während seiner langjährigen Gefangenschaft, in der er harte Zwangsarbeit leisten und sich auf Robben Island nur mit Meerwasser waschen durfte, nie den Blick auf die Welt verloren hat.

Der Zellennachbau schwebt Biba in Metall vor, damit dieser transportierbar ist. Dafür hat er Kostenvorschläge von 13 000 Euro und mehr erhalten. Zum Umsetzen der Pläne wird nun ein Sponsor oder Sponsoren gesucht. Gelingt die Idee, wird die Zelle und ihre Aussage, dass Rassentrennung und Diskriminierung in der Gesellschaft keinen Platz haben dürfen, bald auch in Babenhausen zu sehen sein.

MICHAEL JUST

Quelle: op-online.de

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