„Warum diese Eile?“

Stadtverordnetenversammlung entscheidet über Kiesabbau

„Lasst den Wald am Leben“, war auf den Plakaten zu lesen, die zwei Mädchen an der Zufahrt zum Kieswerk hochhielten. Viele der Teilnehmer beim Vororttermin waren umweltfreundlich mit dem Rad gekommen. Fotos: Just
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„Lasst den Wald am Leben“, war auf den Plakaten zu lesen, die zwei Mädchen an der Zufahrt zum Kieswerk hochhielten. Viele der Teilnehmer beim Vororttermin waren umweltfreundlich mit dem Rad gekommen.

In der Stadtverordnetenversammlung am Donnerstagabend soll ein Grundsatzbeschluss fallen, ob das Unternehmen Kaspar Weiss weitere Flächen für den Kiesabbau nutzen darf. Die Gegner des Vorhabens haben in den vergangenen Tagen mobil gemacht.

Babenhausen – „Unsere Stadt dürfte bald eine Insel sein, die vorrangig von Wasser umgeben ist.“ Diese Befürchtung hegt ein 82-jähriger Babenhäuser, der sich am Samstagnachmittag trotz seines hohen Alters mit dem Rad von der Kernstadt über Harreshausen vor die Werkstore der Kaspar Weiss GmbH & Co. KG aufmachte. Unweit der B26 Richtung Aschaffenburg nahm er die Einladung des Aktionsbündnisses gegen die Erweiterung des Kiesabbaus zu einen Vororttermin an.

Auf der Zufahrtsstraße unweit der verschlossenen Firmentore wurde der Stand der Dinge eruiert und Meinungen ausgetauscht. „Ich bin in keiner Partei oder einem Umweltverband. Aber ich wehre mich gegen die geplante Abholzung einer Waldfläche in der Größe von 25 Fußballfeldern“, sagte der Rentner. Ähnlich sah es auch eine Mutter mit ihren Kindern, die beide vor der Einschulung einen Waldkindergarten besuchten. Die beiden Mädchen hielten selbstgemalte Protestplakate mit der Aufschrift „Finger weg von der Natur – den Wald brauchen wir“ hoch.

Insgesamt folgten rund 25 Personen dem Aufruf des Aktionsbündnisses, das vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND), der Bürgerinitiative Schaafheim sowie den Babenhäuser Grünen unterstützt wird. Das Bündnis wendet sich gegen die im vergangenen September geäußerten Ziele der Firma Weiss, zukünftig sechs weiteren Flächen, die insgesamt 17 Hektar umfassen, auszukiesen. Das Vorhaben muss von den Stadtverordneten genehmigt werden, da es sich um Stadtwald handelt, den das Unternehmen pachten möchte.

BI-Vertreterin Sabine Schwöbel-Lehmann ging dezidiert auf die Gründe des Widerstands ein. Wie sie sagte, wolle man den Abbau nicht generell verhindern. Bedenklich sei jedoch, dass derzeit nahezu alle im Quarzsand- und Kiesabbau tätigen Unternehmen in Südhessen anstreben, die rund 30 existierenden Gebiete zu erweitern. Bei diesen breit angelegten Expansionsbestrebungen bleibe die Natur – ohne ein koordiniertes Gesamtkonzept – unweigerlich auf der Strecke. Schwöbel-Lehmann ist sicher, dass damit auch dem Klimawandel Vorschub geleistet wird: „Gerade auf dem zur Abholzung vorgesehenen Areal in Babenhausen wachsen eine Vielzahl junger Eichen, die sich besonders gut gegen die neuen Wetterphänomene behaupten können.“ Sie wünscht sich einen nachhaltigen Abbau, bei dem der Kies vor allem eine lokale Verwendung findet.

Die angeführten Renaturierungsmaßnahmen, die unter anderem ein Verfüllen der bis zu 50 Meter tiefen Landschaftseinschnitte vorsehen, sind nach Meinung der BI wenig effektiv. Es entstehe ein verdichteter Boden, der kaum Pflanzenwachstum zulässt und nicht an die zuvor zerstörten Biotope herankommt.

Der Vororttermin des Aktionsbündnisses war bereits die zweite Veranstaltung innerhalb einer Woche. Zuvor hatte man zu einem Infoabend in den „Roten Hahn“ eingeladen, dem rund 40 Personen folgten. Der Grund für die enge Terminabfolge liegt darin, dass den Gegnern des Kiesabbaus die Zeit wegläuft. Am 12. Februar habe Weiss einen neuen Antrag an die Stadt gestellt, am 20. Februar ist er (wie berichtet) im Hauptausschuss beraten worden und soll am Donnerstag, 5. März, in der Stadtverordnetenversammlung entschieden werden. „Warum diese Eile?“, fragt Schwöbel-Lehmann. Ihr und den Mitstreitern kommt wenig Unterstützung aus der Politik zu. Bis auf die Grünen stehen sowohl SPD, CDU als auch die FDP hinter den Expansionszielen der Firma Weiss. Das absehbare „Ja“ der Stadtverordneten am Donnerstag dürfte den Kies- und Sandschürfern, die formal zum Bergbau gehören, wichtige Planungssicherheit geben.

Allerdings zunächst nur für zwei der insgesamt sechs gewünschten Teilflächen, die hinter Hareshausen rund 7,2 Hektar betragen. Die von der Babenhäuser Politik an den Tag gelegte Eile betrachtet die Bürgerinitiative als Fehler. Sie hätte sich vor jener wichtigen Entscheidung eine Bürgerversammlung mit dem Offenlegen der Vor- und Nachteile gewünscht. Stattdessen schaffe man hektisch Tatsachen und hebele damit die Interessen der Bürger aus.

Wie der Babenhäuser Grünen-Politiker Manfred Nodes erläuterte, bringe das schnelle Vorgehen der Stadt, die als Waldbesitzer für die betreffenden Flächen von der Firma Weiss eine Pacht erhält, nur Nachteile. Der angestrebte Grundsatzbeschluss mache spätere Änderungen schwierig und eröffne dem Kiesabbaubetrieb die Möglichkeit zur Klage. Neben dem Verlust von Einfluss seien damit erhebliche juristische Risiken verbunden. Laut Nodes müsse zudem bezweifelt werden, ob die Höhe der Pacht für die Stadt angemessen ist. So stehe ein Wertgutachten, das schon 1990 angestrebt wurde, bis heute aus. Nun befürchtet der Politiker, dass die Kiesförderer Millionen-Gewinne einstreichen, während die Stadt lediglich in geringem Maße profitiert. Mit Blick auf die ungeheure Fördermenge von 2,52 Millionen Tonnen Quarzsand, die sich aus den 17 Hektar ergeben, kommt Nodes zu der Auffassung, dass Babenhausen Gefahr laufe, einen Schatz zu verschleudern. Auch bei den Renaturierungsmaßnahmen sieht er noch viele Fragen offen.

Unterstützung bekam die Veranstaltung von dem Grünen-Landtagsabgeordneten Frank Diefenbach. Er führte an, dass alle Pro- und Contra-Aspekte zuerst auf den Tisch gehören. Im Gegenzug machte er aber klar, dass die alleinige Entscheidung bei den Stadtverordneten liegt. Diese müssten dann auch die Konsequenzen tragen.

VON MICHAEL JUST

Quelle: op-online.de

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