Noch kein Urteil gefällt

LKA untersucht Schießkugelschreiber

Babenhausen - Ein Schießkugelschreiber mit Ladehemmungen, widersprüchliche Aussagen aller Anwesenden am Tatort und ein psychisch kranker Täter, der bei Eintreffen der Polizei die Schildkröte streichelt – wahrlich alles andere als einfach gestaltet sich der Totschlag-Prozess. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Der Prozess um den Beschuldigten M.F. am Landgericht Darmstadt. Dementsprechend lange ließ sich die 11. Strafkammer gestern Zeit für das für 15 Uhr angekündigte Urteil. Dann die große Überraschung: Kein Richterspruch, die Kammer vertagt den Prozess, will die Mechanik des Schießkugelschreibers nochmals von einem Sachverständigen des Landeskriminalamtes überprüfen lassen. .

Mit diesem nach dem Waffengesetz verbotenen corpus delicti soll der 23-jährige Babenhäuser am 9. März dieses Jahres in seinem Elternhaus versucht haben, auf eine Polizistin und sich selbst zu schießen. Die Waffe löste nicht aus, verletzt wurde niemand. Vater F. hatte die Beamten alarmiert, weil sein Sohn zum zweiten Mal aus dem Groß-Umstädter Zentrum für seelische Gesundheit ausgebüchst war und wieder zurück in dessen Obhut gebracht werden sollte.

Viele offene Fragen

Der junge Mann wollte jedoch auf keinen Fall dahin zurück, wo „nur Mumien rum laufen“ und griff zum „Kugelschreiber“, um die Polizisten von ihrem Vorhaben abzuhalten. Soweit ein klarer Sachverhalt. Die Fragen, um die sich nun bei der Urteilsfindung alles dreht, sind jedoch sehr viel differenzierter: Hat F. wirklich abgedrückt, oder kam das charakteristische Klickgeräusch, welches die Zeugen vernahmen, nur vom Laden der Waffe? Wenn ja, hat F. wirklich auf andere als sich selbst gezielt?

Und warum hat sich die 6-Millimeter-Patrone nicht gelöst, weist noch nicht mal die typische Einkerbung des Schlagbolzens beim Abdrücken auf? Ob abgefeuert oder nicht, sicher ist zumindest, dass der gelernte Industriemechaniker laut Facharzt Marco Giesler im Zustand der Schuldunfähigkeit handelte. Aus dem Gutachten des Psychiaters: „F. leidet an einer paranoiden halluzinatorischen Psychose, an einer dissozialen Persönlichkeitsstörung und einer Abhängigkeit von multiplen Substanzen.“

Übersetzt: Der Beschuldigte ist schizophren und abhängig von Cannabis und Am-phetaminen. Menschen mit diesem Krankheitsbild litten häufig an Wahnvorstellunhen und Ich-Störungen, höchstwahrscheinlich habe sich F. bei Eintreffen der drei Polizisten in einer höchst bedrohlichen Situation gefühlt und wollte sich wehren. Giesler: „Die Steuerungsfähigkeit war bei F. in dieser Situation eindeutig aufgehoben.“ Der Facharzt prognostiziert auch für die Zukunft ein hohes Risiko, dass der schon mehrfach Vorbestrafte erneut seiner Umwelt gefährlich werden könnte. Für Staatsanwältin Barbara Sieger ist deshalb der Fall klar, sie plädiert wegen versuchtem Totschlag im Zustand der Schuldunfähigkeit für die Unterbringung in einer forensischen Psychiatrie nach Paragraf 63. Der Prozess wird am 2. Oktober fortgesetzt.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © dpa

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion