Babenhausen

Was Erinnern mit Zukunft zu tun hat

Holger Köhn und Christian Hahn betreiben seit 2012 in Babenhausen das Büro für Erinnerungskultur. 
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Holger Köhn und Christian Hahn betreiben seit 2012 in Babenhausen das Büro für Erinnerungskultur. 

Seit 2012 gibt es in Babenhausen das „Büro für Erinnerungskultur“. Für ein aktuelles Projekt führen die beiden Initiatoren zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen.

Babenhausen – In den „geschichtsphilosophischen Thesen“ des Kulturtheoretikers und Philosophen Walter Benjamin hat ein Bild große Bedeutung. Es heißt „Angelus Novus“. Paul Klee hat es gemalt, es zeigt einen Engel mit weit aufgerissenen Flügeln. Für Benjamin ist dies der „Engel der Geschichte“, der den Blick der Vergangenheit zugewandt. Er sieht Trümmer, möchte gerne verweilen und sie zusammenfügen, doch der Wind des Fortschritts hat sich in seinen Flügeln verfangen und treibt ihn unaufhaltsam in eine Zukunft, der er den Rücken zukehrt.

Benjamin stellt die These auf, dass nur der Generation ihre Vergangenheit zufällt, die sich in ihr gemeint fühlt. Das bedeutet Erinnern, das bedeutet Arbeit, manchmal bis an die Schmerzgrenze. Doch wenn diese Arbeit gelingt, gelingt es dem Engel, den Blick zu wenden und aus dem Erinnern heraus Zukunft zu identifizieren - um die Benjaminsche Bildinterpretation fortzusetzen.

2012 haben Christian Hahn und Holger Köhn in Babenhausen das „Büro für Erinnerungskultur“ gegründet. Köhn, 47, verheiratet, zwei Kinder, ist promovierter Historiker, Hahn – ebenfalls verheiratet, ebenfalls zwei Kinder – ist Diplom-Designer. Dass ein Historiker mit Vergangenheit zu tun hat, erschließt sich auf elementare Weise. Aber ein Designer? Das erschließt sich erst über den Gedanken, dass Erinnern und, in der Weiterentwicklung Gedenken, Orte, Räume und Medien braucht, deren Gestaltung nicht nur Beiwerk ist, sondern inhaltliche Aussagen trifft.

Hahn und Köhn sind waschechte Babenhäuser, kennen sich schon sehr lange, sind freundschaftlich verbunden und haben vor rund einem Jahrzehnt den Gedanken umgesetzt, ihre beruflichen Neigungen zu einem gemeinsamen Unternehmen zu machen. Schnell wird deutlich, dass sie gerne tun, was sie tun - eine nicht ganz unwesentliche Voraussetzung für Erfolg. Und den haben sie.

Ja, es gibt einen Markt für Erinnerungskultur – „ein Begriff, der in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts etabliert worden ist“, wie Köhn weiß. „Wir sind regional ganz gut vernetzt“, fährt er fort, „und meistens ist da jemand, der uns kennt“. Das führt zu Auftragsarbeiten wie einer Ausstellung nebst Katalog und CD über die Straßenbahnfahrer der Heag Mobilo. Oder – und bei der Schilderung wird in den Gesichtern der beiden die Freude am Projekt offenbar – Beratung zu Konzeption, Aufbau und Gestaltung des Eintracht Frankfurt Museums.

Immer ist das mit Recherche-Arbeit verbunden, insbesondere Köhn kennt inzwischen viele Archive von innen. Aber eine mindestens ebenso bedeutsame Informationsquelle sind die Gespräche mit Zeitzeugen, bei denen dann in der Regel auch Hahn mit dabei ist. So kommt Fleisch auf das Gerippe „nackter“ historischer Fakten, die Geschichte wird durch Geschichten bereichert und emotional erlebbar und im folgenden Nachdenken neu verstehbar. In ganz großen Maßstab hat Steven Spielberg mit der „Shoah“-Serie über die „Judenvernichtung“ in Nazi-Deutschland für einen ganz neuen Blick auf diesen systematischen Massenmord gesorgt. Da rührt Erinnern an Schuld, aber posthume Schuldzuweisungen gehören nicht zu den Anliegen des „Büros für Erinnerungskultur“. Hahn führt stattdessen den Begriff „Verantwortung“ in den Diskurs ein.

Den beiden ist bewusst, dass ihre Arbeit auch politische Dimensionen hat – insbesondere, wenn das Erinnern beispielsweise lokale Ereignisse der Reichspogromnacht 1938 berührt. Bei einer Auftragsarbeit für die Stadt Darmstadt, die historischen Hintergründe mancher Straßennamensgeber zu beleuchten, sind die beiden solchen politischen Minenfeldern unangenehm nahe gekommen, als die Stadtpolitiker acht Namensänderungen beschlossen haben.

An die daraus folgenden Hasstiraden und Bedrohungen in den sogenannten Sozialen Medien erinnert sich Köhn nur ungern – obwohl das ja auch als „Volltreffer im braunen Sumpf“ gewertet werden könnte.

Mit deutlich mehr Freude verfolgen die beiden ein selbst entwickeltes Projekt, für das sie Fördergelder von Stiftungen eingeworben haben: Für das „Gedächtnis einer Stadt“ haben sie bislang mit 30 Zeitzeugen in Babenhausen gesprochen, viele weitere sollen folgen.  

sr

Quelle: op-online.de

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