„Erinnerungen einer Stadt“

Werkstattbericht widmet sich Vereinen

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Schatztruhe Vereine: Der TVB-Vorsitzende Bert Bernhardt (rechts) und Holger Köhn im Gespräch über die Rolle von Vereinen als „Wissensspeicher“.

Babenhausen – Lokale Geschichte vor dem Vergessen bewahren – mit diesem Vorsatz sammelt das Büro für Erinnerungskultur in Kooperation mit dem Heimat- und Geschichtsverein (HGV) systematisch Erlebnisse und Geschichten von Babenhäuser Bürgern.

Beim zweiten Werkstattbericht „Erinnerungen einer Stadt“ kamen nun ein Dutzend betagter Einwohner zu Wort, die mit ihren Erlebnissen, Geschichten und Geschichtchen Vergangenes mit Leben füllten. „Wir stellen ihnen Schnipsel aus den Zeitzeugeninterviews vor“, begrüßte Georg Wittenberger vom HGV das Publikum im gut gefüllten Saal der Stadtmühle. 30 Interviews wurden seit dem Start des Projekts geführt. Holger Köhn und Christian Hahn hoben bei ihren Besuchen in den Wohnstuben Babenhäuser kleine Schätze, die den Zeitgeist wiedergeben, Geschichte zutage fördern, individuelle Erlebnisse und solche, die sich in größeren Kontext rücken lassen.

„Mit der VDO ging das bargeldlose Zahlen los“, die Stimme von Kätha Klump, füllte den Raum, „nach dem Krieg wurden auch viele Kleindarlehen aufgenommen, zum Beispiel, um sich einen Ofen zu kaufen“, berichtete die langjährige Angestellte der Sparkasse. Babenhausens ehemaliger Bürgermeister Klein (1932 bis 1945 und 1955 bis 1960) hatte das Finanzwesen für sich entdeckt und die hiesige Filiale übernommen – eine Operation, mit Geheimhaltungscharakter. „Er wohnte genau neben der Volksbank in der Bahnhofstraße (heute Platanenallee)“, berichtete die ältere Dame, „und damit man nicht sieht, wer zu ihm kommt, stellte er eine große Holzwand auf“.

Eine Kutsche mit zwei Rössern hatte einst die Tollitäten beim Fastnachtsumzug durch Babenhausen gezogen. „Die Kutsche kam aus Schaafheim“, berichtete Margarete Lambert, die vor Kurzem ihren 101. Geburtstag feierte und Babenhausens älteste Einwohnerin ist, „ich war eine lebenslustige junge Frau – und ich bin heute noch eine Fastnachterin“. Dass dies in ihrer Familie bisweilen auf Unverständnis stößt, schmetterte die 1918 geborene Babenhäuserin energisch ab: „Ich bin nur einmal im Jahr närrisch – andere sind es das ganze Jahr!“

Man erfuhr vom Mandolinenorchester des Wanderclubs, das ebenso wie die großen Aufmärsche der Turner der Vergangenheit angehört. Vom Ritual, verstorbene Sänger mit einem Besuch und Gesang am Grab zu verabschieden. „Dort wurde dann die Vereinsfahne abgesenkt“, Heinz Ewald (geboren 1926). Und von der Wertschätzung der Vereine. „Ich war als Kind im Turnverein“, so der Sickenhöfer Willi Spiehl (1924), „jedes Jahr gab es ein Wettturnen“, ein Jahreshöhepunkt im gesellschaftlichen Leben des Dörfchens in den 30er Jahren. Spiehl: „Sonst gab es ja nichts.“

„Ein Ort lebt von den Vereinen, sonst macht jeder nach Feierabend die Tür zu“, erklärte der Harpertshäuser und langjähriger Ortsvorsteher Kurt Kratz (geboren 1940). Im Live-Interview berichtete Bert Bernhardt, einer der Vorsitzenden des TV Babenhausen, vom Nutzen eines Vereins als Bewahrer von Lokalgeschichte. „Wir haben Mitglieder, die 90 Jahre im Verein sind“, so Bernhardt, und wer Zeit findet für einen Plausch, erfährt Vergangenes, das sieben, ja acht Jahrzehnte zurückliegen kann. Der TVB unterhält nicht nur ein umfangreiches Archiv, sondern führt diese Bilddokumente einem Größeren zu: der Babenhäuser Topothek. In diesem digitalen Fotoalbum werden Bilddateien mit lokalen Motiven gesammelt – und online gestellt. Gesammelt werden neben historischen Bildern auch Dokumente, Video- und Audiobeiträge. Bernhardt ist einer von mehreren Topothekaren, die die Datenbank füttern. „Wir haben inzwischen sogar ein internationales Feedback“, sagte Georg Wittenberger.

Auch die Arbeit des Büros für Erinnerungskultur wird weitergehen – und breiter aufgestellt. Neben Interviews mit Zeitzeugen ist ein medienpädagogisches Projekt in Arbeit. „Es bewegt sich einiges rund um das Projekt“, sagte Köhn zur außergewöhnlichen Forschungsarbeit in Babenhausen.

Im November 2020 sollen weitere Ergebnisse und Interviews in einem dritten Werkstattbericht publiziert werden. Infos im Internet unter babenhausen.topothek.de.

zah

Quelle: op-online.de

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