Ein Raketen-Ritt

"Wie lenke ich?": Unser Autor wagt sich aufs Pferd

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Im Trabschritt auf der Stute Rakete durch die Reithalle. Kyra Geißler hält im Laufschritt die Longe fest. Der Anfänger fühlt sich sicher.

Heute beginnen die Turniertage des Reit- und Fahrvereins. Bis Montag zeigen Hunderte Reiter ihr Können in der Dressur und beim Springen. Für sie ist es Alltag, auf einem Pferd zu sitzen. Aber wie ist es eigentlich, zu reiten? Ein Selbstversuch.

Babenhausen – „Adrenalin. Freude aufs Fliegen. Und ein Gefühl von Freiheit“, so beschreibt es Kyra Geißler, wenn sie auf ihrem Pferd Rakete sitzt, auf ein Hindernis zureitet und über es hinweg springt. „Das werde wir heute aber nicht machen“, sagt die 21-Jährige in meine Richtung und lacht.

Hatte ich auch nicht vor und würde es vor lauter Angst auch gar nicht erst versuchen wollen. Vielmehr werde ich gleich zum ersten Mal auf einem richtigen Pferd sitzen. Auf Rakete, der zwölf Jahre alten Rheinländer Stute. Als Kind muss ich irgendwann mal auf einem Pony gesessen haben. Eins von jenen, die auf Jahrmärkten immer so traurig im Kreis herum laufen. Pferde habe ich meist nur auf Koppeln beobachtet – aus der Distanz.

Und nun stehe ich im Stall von Rakete, Schulterhöhe etwa 1,70 Meter. Wenn sie ihren Kopf nach oben streckt, ist sie gefühlt drei Meter groß. Respekt einflößend. Also erst einmal auf Tuchfühlung gehen und das Fell bürsten. Erster guter Moment: Rakete lässt es zu, dass ich ihr mit der Bürste zu Leibe rücke und übers weiche Fell streiche. Den Bauch übernimmt wohlwissend Geißler: „Da ist sie empfindlich und man muss vorsichtiger sein.“ Seit drei Jahren haben die beiden täglich miteinander zu tun, sind auf dem Reitplatz des elterlichen Reitbetriebs an der Ziegelhüttenstraße unterwegs und fahren zu Turnieren, wie jenem, das heute praktisch vor der Haustür beim Reit- und Fahrverein an der Schwedenschanze beginnt.

Mithilfe des Schemels aufs Pferd

Für meine erste Reitstunde geht es allerdings in die Reithalle der Geißlers. Rakete sei ein Pferd, das ein gutes Gefühl dafür habe, wenn jemand unsicher ist und arbeite dann unterstützend mit, erzählt die angehende Agrarbetriebswirtin auf dem Weg. „Dann passt das ja“, denke ich. Dankbar erspähe ich am Eingang gleich den Tritthocker und eine weitere Befürchtung löst sich in Luft auf. Vor meinem inneren Auge spielte sich schon die Szenerie ab, wie mir gleich mehrere Menschen beim Aufsteigen helfen müssen. „Den nutze ich auch. Ist besser für den Rücken“, erzählt Geißler, die seit ihrem sechsten Lebensjahr reitet. Merke: Mithilfe eines Schemels aufs Pferd zu kommen ist keine Schande.

Ein Anfänger und zwei Profis: Kyra Geißler mit ihrem Pferd Rakete und Redakteur Norman Körtge.

Und dann die ersten Momente auf dem Pferderücken. Der erste Gedanke: Ganz schön hoch. Der wird allerdings abgelöst von einem Gefühl von Erhabenheit beim Blick in die Umgebung. Das wiederum endet abrupt, als sich Rakete in Bewegung setzt. Zum Glück nicht ganz von alleine. Zwar habe ich die Zügel in der Hand, aber Geißler die Leine.

Gewöhnungsbedürftige erste Meter

Die ersten Meter durch die Halle sind sehr gewöhnungsbedürftig. Es schwankt und ich werde gefühlt durch die Bewegungen des Pferdes hin- und hergeworfen. Dabei ist es nur Schritt. „Aufrecht sitzen, Rücken möglichst gerade machen“, gibt Kyra Geißler Haltungshinweise. Das signalisiere auch dem Pferd, dass es langsam machen soll, erläutert die erfahrene Reiterin, die mit Rakete nicht nur an Springprüfungen teilnimmt, sondern auch Dressur reitet und gerne im Gelände unterwegs ist.

So geht es ein paar Runden durch die Halle. „Wie lenke ich?“, frage ich und bekomme die Erklärung: Wenn man nach rechts will, muss man mit seinem linken Oberschenkel in die Seite des Pferdes drücken und den rechten Zügel leicht ziehen. Generell wird über die Beinarbeit des Reiters und seine Körperhaltung gesteuert. Meine koordinativen Fähigkeiten sind voll gefordert. Und mehr schlecht als recht überzeuge ich auch Rakete, den Weg zu gehen. Wobei Geißler nachhilft.

Den vorgegebenen Weg durch den Parcours einhalten und durch Abbremsen oder Beschleunigen das richtige Timing zum Absprung vor dem Hindernis finden, seien ihre Hauptaufgaben beim Springreiten, erzählt sie, während ich mittlerweile gemütlich im Sattel sitze.

Lobende Worte von der Bande

Mit der Gemütlichkeit ist es aber vorbei, als Kyra Geißler in den Laufschritt übergeht und Rakete anfängt zu traben. „Aus dem Sattel gehen, die Bewegung des Pferdes aufnehmen“, versucht Geißler mir zu erklären, dass der Reiter mitarbeiten muss. Ich tue mein bestes und offensichtlich hänge ich nicht wie ein nasser Sack im Sattel. „Sieht ganz gut aus“, kommen lobende Worte von der Bande. In den Galopp gehen wir aber noch nicht über.

Damit endet auch mein erster Ritt. Ich gleite vom Pferderücken und Geißler drückt mir ein Leckerli in die Hand. Nicht für mich, sondern für Rakete. „Zur Arbeit mit Pferden gehört es, dass sie auch eine Belohnung bekommen“, erzählt sie. Und Rakete hat es sich auch redlich verdient.

Bei den ersten Schritten auf festen Boden merke ich, dass auch ich etwas geleistet habe. Die Oberschenkel machen sich genauso bemerkbar wie die Rückenmuskulatur. Und auch am Folgetag habe ich die erste Reitstunde meines Lebens noch spürbar in den Knochen – und in guter Erinnerung.

Norman Körtge

Quelle: op-online.de

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