Badegäste entern begeistert Jenny

Babenhausen - Fast leuchtend heben sich die weißen Bärte von den dunkelblauen Seemanns-Kutten und den roten Halstüchern ab, die sonoren Stimmen klingen weittragend über die Reling. Von Michael Just

Sie gehören dem Shanty-Chor Frankfurt-Eschersheim, der am Samstag Nachmittag vom Bug der „Jenny“ die Eröffnung des frisch sanierten Freibades mit seinem Küstenschiff aus Harlingen gesanglich untermalte. „Vor fünf Jahren haben wir in unserem Kleingartenrverein einen Nordsee-Abend gemacht und sind dabei auf die Idee mit dem Chor gekommen“, berichtet Mitglied Dieter Schrankler, der regelmäßig auf Langeoog Urlaub macht. Derzeit hat der Chor 18 Sänger und zählt zu den mittlerweile rund 20 Shanty-Formationen in Hessen, die sich dem Liedgut von der Waterkant verschrieben haben. Dass nach Babenhausen bald der Weg auf den Hessentag folgt, liegt auch an Rolf Neuelmann: Ursprünglich aus Cuxhaven kommend, wohnt der 62-jährige jetzt aus beruflichen Gründen im Rhein-Main-Gebiet und vermittelt seinen Kollegen das richtige „Plattdüütsch“.

Fotogalerie von der Eröffnung des Freibades

Badegäste entern begeistert Jenny

Engagiert wurden die Sänger um „Jenny“, in deren Bauch sich der Technik-Raum und an Deck die Sonnenliegen sowie die Gastronomie befinden, den passenden Rahmen zu geben. „Wir sind auf dem richtigen Dampfer“ heißt das erste Lied, das gleich unfreiwillig zum Schmunzeln anregte. Denn lange Zeit bestimmte der ausrangierte Kutter als Zankapfel mit unappetitlichen Diskussionen die Schlagzeilen der Stadt, stets die Frage vor Augen führend, ob man sich mit diesem Alleinstellungsmerkmal wirklich auf den richtigen Schiff befindet.

Als sich am Samstag um kurz vor halb zwei die Gittertore öffnen, ist das Thema bei den vielen hundert Besuchern, die den freien Eintritt genießen, erstmal hintan. Vor allem die Kinder und Jugendlichen feiern das Ende der einjährigen Sanierung und die damit verbundene Entbehrung einer „innerstädtischen Abkühlung“.

„Letztes Jahr bin ich fast jeden Tag 20 bis 30 Minuten mit dem Rad nach Stockstadt gefahren“, erzählt Katharina (12), die trotz dieser ungünstigen Verhältnisse auf einer Dauerkarte im Nachbarort nicht verzichtete. „Wir waren jeden Tag in Schaafheim, wo es immer sehr voll war. Dort traf man unzählige Babenhäuser“, berichtet eine andere Frau.

„Es gibt viele Neuerungen"

Kurz nach dem Einlass ist das Bad noch durch rotes Flatterband abgesperrt: Erst nach der offiziellen Eröffnung von Bürgermeisterin Gabi Coutandin und Eigen-Betriebsleiter Christian Heinemann darf man sich in die Fluten stürzen. Während sich der Nachwuchs hastig umzieht, Wasserbälle aufbläst und ungeduldig wartet, nutzen viele Erwachsene die Zeit, das Schiff, dessen neuer Farbanstrich in der Sonne glänzt, zu inspizieren sowie das ehemals heiße Eisen nochmals aufzuwärmen: „Wir wollen Tourismus-Stadt sein. Da musste bei der Sanierung und einer Attraktion etwas passieren. Mit dem Schiff kann man jetzt wuchern“, sagt Werner Lietz (44). „Es gibt viele Neuerungen und alles ist so schön. Die negative Stimmung im Vorfeld kann man wirklich nicht verstehen“, lobt Elfriede Mohr (84). Wie eine Nachfrage zeigt, sind die meisten Gäste vom Freibad und seiner Jenny begeistert, nur ein paar wenige Stimmen halten das Boot immer noch für überflüssig.

Wie für Babenhausen üblich, ging die Eröffnung aber nicht ganz ohne politische Scharmützel ab. So hatten Die Grünen nicht nur die Zufahrt zur Badeanstalt mit Plakaten mit der Aufschrift „Viel Spaß in ihrem neuen Freibad“ „verziert“ sondern auch eine „Jenny-Mal-Aktion“ mit ausgelobten Preisen wie Trinkflaschen und Handtücher für alle teilnehmenden Kinder organisiert.

Holländische Fahne im letzten Moment eingeholt

„Erst hatten wir das Okay von Ordnungsamt und Eigenbetrieb, unseren Stand im Bad aufzustellen. Als wir das Ganze schriftlich wollten, muss es von der Verwaltungschefin dann doch einen Widerruf gegeben haben“, erzählen und mutmaßen Irmgard Petit und Frank Ludwig Diehl, die nun „ausgesperrt“ draußen bei den Parkplätzen standen und einen nahen Zaun mit den Werken der Nachwuchskünstler geschmückt hatten. Heiterer mag da schon klingen, dass die holländische Fahne, die bis kurz vor der Eröffnung auf dem Mast von „Jenny“ wehte, quasi „im letzten Moment“ eingeholt und durch eine Fahne mit Babenhäuser Wappen ersetzt wurde.

Bürgermeisterin Gabi Coutandin blickte in ihrer Eröffnungsrede auf den Werdegang der Sanierung, die insgesamt rund 3,5 Millionen Euro verschlingen wird. Wie sie sagt, unterscheide man sich mit vielen Besonderheiten positiv von anderen Bädern und ziehe Alt und Jung gleichermaßen an. Dazu biete man eine gute Alternative für teuren Familienurlaub.

Wunsch nach Versöhnung mit Jenny und dem Bad

„Ich möchte heute auch den Wunsch nach Versöhnung mit Jenny und dem Bad äußern“, hob die Bürgermeisterin überraschend heraus. Damit soll zukünftig auch der Verzicht aller Parteien auf politische Inanspruchnahme des Bades verbunden sein: „Es ist kein Schwimmbad einer Partei und auch nicht auf Initiative einer Partei zustande gekommen“. Alle Steuerzahler dieser Stadt trügen die Kosten. „Es ist unser aller Bad und wir wollen nun gemeinsam dafür sorgen, dass es positive Schlagzeilen macht“, gab Coutandin aus.

Sinnbildlich dafür sprangen SPD-Stadtverordnetenvorsteher Wulf Heintzenberg und Irmgard Petit gemeinsam als erstes ins Wasser, bevor überschwenglich eine große Menschenschar ins kühle Nass folgte.

Bei einem stadtbekannten CDU-Politiker löste der Anblick ein wohlwollendes Nicken aber auch eine bittere Erkenntis aus: „Es ist wirklich schön diese Freude zu sehen, auch wenn uns das Schwimmbad unter dem Strich die Bürgermeister- und auch die Kommunalwahl gekostet hat.“

Quelle: op-online.de

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