„Besucher multimedial berühren“

+
Rund 100 Schüler des Oberstufengymnasiums der Bachgauschule haben eine Ausstellung zum 50. Jahrestag des Berliner Mauerbaus konzipiert. Der Leistungskurs Geschichte (Foto) übernahm dabei die Hauptarbeit. Zur Ausstellung in der Stadthalle gehören auch Kopien von Stasi-Akten über Republik-Flüchtlinge.

Babenhausen - Der Traum von Freiheit platzt frühmorgens um vier. Noch bevor der Betonfacharbeiter Bernhard Fey West-Berlin erreicht, wird er von DDR-Grenzsoldaten entdeckt und abgeführt. Der Fluchtversuch am Heiligabend ist gescheitert. Von Michael Just

„Fey war damals der Meinung, dass die Grenze an Weihnachten weniger gut bewacht ist“, weiß Geschichtslehrer Michael Gremler. Der Weg des Staatsfeindes führt direkt ins Ost-Berliner Stasi-Gefängnis. Der „ungesetzliche Grenzübertritt“ wird am 25. Dezember 1975 in Suhl mit einer Einlieferungsanzeige protokolliert. 36 Jahre später liegt die Kopie der Originalakte von Fey, die die Staatssicherheit anfertigte, in Babenhausen zur Einsicht aus. Mit ihren mehr als 100 Seiten ist sie ein wesentlicher Bestandteil der Ausstellung „Die Berliner Mauer“, die am Samstag (13. ) um 14 Uhr in der Stadthalle eröffnet wird.

Zusammengetragen wurde sie schwerpunktmäßig von rund 20 Schülern des Oberstufengymnasiums der Bachgauschule, die dem Leistungskurs Geschichte angehören. Der Zeitpunkt ist ideal gewählt: Am Wochenende jährt sich der Jahrestag des Mauerbaus zum 50. Mal.

Die Idee zur Ausstellung kam Gremler im letzten Oktober bei einer Klassenfahrt nach Berlin. Beim Besichtigen der Museen zur deutsch-deutschen Geschichte war schnell klar: „So etwas lässt sich auch in Babenhausen realisieren.“ Und: „Vielleicht können wir das sogar noch besser.“ Wichtig war dem 32-Jährigen und seinen Schülern, dass man von dem stereotypen Muster wegkommt, historische Gegenstände in eine Vitrine zu legen und mit einem Text zu versehen. Das Motto: Die Besucher modern und multimedial zu berühren. Mit Hilfe von Beamern gibt es eine dreidimensionale Animation, die die Mauer aus den Augen eines Flüchtlings zeigen. Die Computerarbeit wurde von einem Schüler programmiert und authentisch mit Hundegebell unterlegt. Dazu offenbart eine selbst gebastelte „Mauerlandschaft“ in Miniaturformat eine weitere räumliche Perspektive auf den „antifaschistischen Schutzwall“ – umfangreiche Details wie Panzersperren inklusive. Ebenfalls multimedial wurden die Eindrücke von Eltern aufgearbeitet, wie diese 1989 die Wende erlebten. Eine wesentliche Recherche bestand in der Befragung von „Republik-Flüchtlingen“: Dafür fuhr ein Teil der Gruppe zum „Point Alpha“, einem ehemaligen Beobachtungsstützpunkt in der Rhön, der heute eine Gedenkstätte ist. Von dem dortigen Museum bekam man Leihgaben für die Ausstellung in Babenhausen, dazu wurden Kontakte mit ehemaligen DDR-Bürgern hergestellt, die Fluchtversuche unternahmen.

Insgesamt ist die Schau in fünf „Unterräume“ mit verschiedenen Thematiken gegliedert. Dazu gehören die Gründe zum Mauerbau, Aufbau und Technik der Grenzanlagen, Fluchtschicksale, Leben in Ost und West mit der Mauer sowie die Bedeutung der Mauer in der Gegenwart. Von der Art, wie man an das Thema heranging, zeigt sich Janina (18) begeistert: „Geschichte wird anders verständlich, wenn Zeitzeugen leibhaftig vor einem stehen und erzählen.“ Noch immer ist sie von einigen Interviews in den Bann gezogen: „Ein ehemaliger Flüchtling hat gesagt, dass ihn elf Einschüsse am Oberschenkel verletzten. Der Schockzustand führte dazu, dass er am Anfang keine Schmerzen verspürte.“

Was teilweise wie im Kinofilm klingt, sind wahre Begebenheiten ohne Drehbuch. „Wie bei dem, was im Krieg abläuft, kann man sich viele Dinge gar nicht vorstellen. Nur das Gespräch mit Zeitzeugen schafft Vorstellungskraft“, ergänzt die Schülerin. In der Zukunft wird sie die Worte von Walter Ulbricht: „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen“ mit anderen Augen sehen. Das trifft auch auf Michael Gremler zu: „Dieser Satz ist purer Hohn, da die Mauer zu diesem Zeitpunkt schon längst geplant war. Er stellte eine einzige Lüge und Verdummung der Leute dar.“

Die Ausstellung zur Berliner Mauer ist vom 13. bis zum 26. August in der Stadthalle zu sehen, jeweils von 14 bis 18.30 Uhr. Morgens sind Schulklassen eingeladen, die durch das didaktische Konzept weitreichende Arbeitsgrundlagen vorfinden.

Quelle: op-online.de

Kommentare