„Bildung befähigt zu eigenen Entscheidungen“

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Die Lehrerschaft drückte ihre Glückwünsche an die erfolgreichen Absolventen mit einem eigens kreierten Lied- beziehungsweise Musikstück aus. Titel: „Mission possible“ - die Mission Abitur ist nicht unmöglich.

Babenhausen - Einmal wie beim Oscar in Hollywood oder den Filmfestspielen in Venedig, Berlin oder Cannes über einen roten Teppich laufen und vor einer Werbewand im Fokus der Fotografen posieren – am Mittwochabend wurde der Traum in Babenhausen teilweise wahr. Von Michael Just

Dazu bedurfte es keiner Titelrolle in einem Blockbuster, dafür aber des Abiturs am Bachgau-Gymnasium. Die Idee, den Abi-Ball mit diesen Glamour-Attributen aus der Welt der Stars zu versehen, hatte Natascha Passlack. Ihr Kollege Jakob Stoffel sah sich im Internet nach einem roten Teppich um und wurde mit einem 14x2 Meter leuchtenden Exemplar fündig. Auch wenn in der Stadthalle nur eine Kamera eines lokalen Fotostudios klickte und auf der Stellwand der diesjährige Abi-Slogan „Heute Hugo, morgen Boss“ die großen Weltmarken ersetzte, ließen sich vor allem die Abiturientinnen - die zum Teil hinreißende Abendkleider trugen - diesen Spaß nicht nehmen. Motto: „Hände in die Hüfte, lächeln und ein bisschen Bein zeigen.“

80 frisch gebackene Abiturienten zählt 2011 das Bachgau-Gymnasium. Beim Ball, der von Nathalie Förster und Tobias Gesell moderiert wurde und an dessen Beginn ein großes Buffet stand, blickte man vor allem in freudige Gesichter, dass die Schule endlich vorbei ist. „Es war eine schöne Zeit, aber nach 13 Jahren hat man dann doch irgendwann von der Schule genug“, lacht Sascha Kümmel (19), der bald Betriebswirtschaft in Aschaffenburg studiert. Von einem Studium wollen Melina Rademacher (20) und Sophia Schott (20) noch nichts wissen: Auf sie warten verschiedene Projekte in Costa Rica und in Peru. „Ich will erstmal die Welt kennenlernen, das bildet den Charakter“, sagt Rademacher. „Eigentlich sollte jeder nach der Schule ein soziales Jahr machen“, ist sich Schott sicher.

In ihrer Rede gratulierte Schulleiterin Marion Pritz den Absolventen. Dabei sagte sie mit Blick auf das Humboldtsche Bildungsideal, dass die Freiheit an der Schule durch Pisa, Lernstoff oder Zentralabitur doch sehr eingeschränkt ist. Mit dem Abi-Zeugnis in der Tasche und der Kraft der zuvor erlangten Bildung sei es nun möglich, aus eigenem Willen Entscheidungen zu treffen. Nicht vergessen sollte man laut Pritz, dass Bildung der Zeit und einem sich wandelnden Weltverständnis unterworfen ist. Trotzdem befähige sie grundlegend zur freien Willensentscheidung und biete damit im Literaturverständnis den Schlüssel für ein Leben in Freiheit.

Dass die 80 Babenhäuser Abiturienten künftig einen Teil der deutschen Elite darstellen, wurde an Christin Sophie Kempe, Peter Roth und Kevin Breitweiser sichtbar, die mit einem Schnitt von 1,2 beziehungsweise 1,3 die besten Abi-Noten ablieferten.

Auch das umfangreich garnierte Programm des Abi-Balls, zu dem Tanz, Gesang, Variete sowie mehrere persiflierende Kurzfilme über das Schülerdasein gehörten, verrieten den Drang nach Höherem. Sonderpreise erhielten für besondere Leistungen in Physik Niklas Reuter, Kevin Breitweiser, Peter Roth und Christian Riegelbeck. Letzterer durfte sich im Fach Mathematik über einen weiteren Sonderpreis freuen als auch über den Forumspreis, der ein außergewöhnliches soziales und gesellschaftliches Engagement an der Schule würdigt. Zum Forumspreis gehört eine Skulptur der Babenhäuser Künstlerin Karola T. Bossdorf.

Dass im Fach Physik sich nur ein Mädchen verirrte, entlockte Lehrer Otto Haus einen Seufzer: „Hier hat sich leider in 35 Jahren nichts geändert.“ Wie der Pädagoge sagt, glauben fast alle Lehrer, dass ihr aktueller Leistungskurs stets der Beste ist, den sie je hatten. In diesem Jahr komme laut Haus diese Annahme im Fach Physik der Wahrheit aber sehr nah, da gleich mehrere Ausnahmeschüler den Leistungskurs bestimmten. In die Zukunft und auf die erste G8-Klasse im kommenden Schuljahr blickt der Naturwissenschaftler mit etwas Unbehagen: „Es wird schwer, das jetzige Niveau zu halten. Intelligenz kommt nur voll zum Tragen, wenn diese mit Zeit untermauert wird.“ Für die jetzigen Absolventen zählen solche Bedenken nicht mehr. Ihnen mögen wohl eher die Worte von Geschichts-LK-Lehrerin Gitta Nübel-Weber im Ohr nachgeklungen haben: „Euch bleibt nun die Aufgabe, die Geschichte eurer eigenen Zukunft zu schreiben. Das müsst ihr ganz alleine tun.“

Quelle: op-online.de

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